2023: Tschüss Rheinfelden, Berlin ruft

  • 2023: Unsere Strecke von Rheinfelden nach Mölln (GEDULD: Track benötigt eine lange Ladezeit):

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Auf dem Wasser ist die Freiheit grenzenlos, und die Planung auch. Für 2023 und die nächsten Jahre ist noch fast alles offen. Nur wenige Fixpunkte sind gesetzt. Wir kehren Ende Saison nicht mehr nach Rheinfelden zurück und wir wollen Berlin besuchen. Alles weitere wird sich dann ergeben. 

Für die nächsten Reisen bekommt NAJADE einen Schwarzwassertank. Eingebaut wird er im vorderen Rumpfdrittel. Dort hatte die Goorden-Werft 1985 beim Bau des Schiffs einen geschlossenen Tank direkt auf dem Rumpf aufgebaut. Das Konzept funktionierte vermutlich nur einige Jahre, die agressiven Abwässer frassen sich durch die Blechwände. Der Schwarzwassertank wurde stillgelegt, Übrig blieben die Fäkalienpumpe und einige Rohre, inklusive eines Absaugestutzens oben auf dem Backborddeck.

Auf den Resten des ehemaligen Konzepts bauen wir die zeitgemässe Lösung auf. Eingebaut wird ein massgeschneiderter Kunststofftank mit etwa 130 Liter Volumen. Er passt in Längsrichtung exakt durch die vorhandene Bodenluke im Küchenabteil. Nachdem Absenken wird der Tank um 90 Grad gedreht und Richtung Motorraum geschoben. Soweit die Theorie. Ob das Ganze auch praktisch umsetzbar ist, wird sich zeigen. Falls nicht, dann kommt die Flex zum Zuge. 

Anfang März 2023 ist der Ende 2022 bestellte Kunststofftank abholbereit- Er wurde gemäss unseren Plänen auf Mass bei der Schäfer Kunststoffverarbeitung GmbH in 576 202314 Oberwambach hergestellt. Der Fachbetrieb hat seine Arbeit sehr gut gemacht. Kompetenter Support ist garantiert, noch während der Bauphase wurde der Tank optimiert. Nun steht der schwarze Klotz zusammen mit Schlauchrollen und unzähligen Fittingen, Rohrwinkeln und Verschraubungen auf dem Deck und will montiert werden. 

Durch die Bodenluke im Küchenbereich muss nun der Tank in die Bilge gelangen. Wir flexen alle im Weg stehenden T-Träger ab. Die Einzelstücke, die den Küchenboden von unten stützen, werden am Schluss wieder zurückgebaut und verschraubt. Der Tank passt tatsächlich durchs Loch, und auch das Schwenken um 90 Grad und das Verschieben Richtung Motorraum klappt wie angedacht. Das tönt jetzt ganz einfach, aber im Kleinen liegen die Tücken. Letztendlich sägen, schleifen und bohren wir während Tagen im engen Untergrund, bis jeder Schlauch seinen Platz gefunden hat und alles sitzt. Alles Brauchwasser von Dusche, Lavabo und Küchenspühle fliesst nun in den Tank. Die Entsorgung ist wahlweise über den Absaugstutzen backbord an Deck möglich, oder via Membranpumpe direkt in den Fluss. Bei der Toilette besteht die Wahl zwischen Direktablass oder Tank. Im Grauwasserbetrieb arbeitet die Absaugpumpe automatisch, gesteuert über den Ultraschallgeber im Tank.    

Ende März läuft der Mietvertrag für den Liegeplatz am Steg des Bootclub Rheinfelden aus. Wir planen das Ablegen für den 16. April 2023. Zuvor geht noch die periodische Zulassungsprüfung über die Bühne. Wir haben den Termin um ein Jahr vorgezogen. Somit erhalten wir ein Zeitfenster von drei Jahren, bevor die nächste Prüfung ansteht. Bereits provisorisch gebucht ist das Winterlager. Wir werden am 15. Oktober 2023 in Alt-Mölln am Elbe-Lübeck-Kanal (Km 26.5) mit dem Kran aus dem Wasser gehoben und in eine offene Halle der Davidswerft verschoben. Dieser Winterlagerort beeinflusst die Routenplanung. Mölln ist entweder via Elbe oder via Ostsee erreichbar. Uns schwebt eine grosse Runde vor. Ab Magdeburg elbeabwärts bis Dömitz. Dann via Elde-Müritz-Wasserstrasse nach Waren. Diese Schlaufe sollte im Juni machbar sein, später im Sommer wird es bei den Pegeln und Wassertiefen in der Elbe und im Kanal knapp. Den Sommer durch würden wir durch die Seen und Kanäle nach Berlin bummeln, um dann im September via Oder, Stettin, Stralsund und Lübeck nach Mölln zu schippern. Ein ehrgeiziges Programm, gewiss, aber ein spannendes. Ein Zwischenziel ist gesetzt. Am 11. Mai wollen wir in den Mittelland-Kanal einfahren, um dort FLORIAN (Heimathafen BCR Rheinfelden) zu treffen, der von Hannover Richtung Holland starten wird. 

Sonntag 2. April 2023, Rheinfelden-Augst-Rheinfelden: Offizielles Ende der Wintersaison, ein Teil der BCR-Flotte geht auf Testfahrt. NAJADE ist geputzt, aufgeräumt und umweltgerecht mit einem Schwarzwassertanksystem modernisiert. Geplant ist ein Mittagessen beim Yachtclub Weil am Rhein. Doch das Wetter spielt nur halb mit. Regen und kalter Wind sind angesagt. Vier Schiffe bleiben übrig, PUNA, MARIA JOHANNA, NAJADE und Silvano mit seinem Daycruiser. Um 10 Uhr wollen wir starten, doch NAJADE macht keinen Wank. Der Anlasser ruckelt nicht mal. Das kann doch nicht sein! Vor zwei Wochen lief die Maschine nach dem Ölwechsel problemlos an. Seither haben wir motorseitig nichts mehr angetastet. Wirklich? Während des aufwändigen Einbaus des Schwarzwassertanks sind wir x-mal durch den Motorraum gerobbt, haben Schläuche gezogen und Löcher gefräst. Vielleicht haben wir dabei unbemerkt auch Kabel und Kabelkanäle tangiert.

Christian kommt als sachkundiger Motornothelfer an Bord und arbeitet die Notfall-Checkliste ab. 1. Schlag mit dem Hammer auf den vielleicht blockierten Anlasser, kein positiver Effekt. 2. Überprüfung der Starterbatterie unter Last: die Spannung bricht nicht zusammen, die Batterie ist voll geladen und in Ordnung. 3. Direktverbindung der Kabel am Anlasser mittels Schraubenzieher: der Motor springt sofort an und läuft normal, 4. Check des Anlasserrelais: Das Relais funktioniert, doch der Motor startet nicht. 5. Check des Zündschlosses: Hier finden wir den Fehler. Ein kleines Relais in der Verbindungsleitung zwischen Zündschloss und Anlasserrelais schliesst sich nicht. Seine Funktion kennen wir nicht. Im Volvo-Penta-Schaltplan ist das Teil nicht aufgeführt. Wir umgehen das Relais provisorisch, Nun können wir den Motor normal starten. 

Die BCR-Flotte fährt eine Stunde zu Tal und eine Stunde zurück zum Steg. Alle Maschinen und Schiffe haben unterwegs keine weiteren Negativauffälligkeiten gezeigt, Test somit bestanden. Nun scheint auch die Sonne. Im BCR-Clubhaus essen wir gemeinsam und bleiben noch lange sitzen. Die Saison ist eröffnet. Wir tauschen uns über unsere Reisepläne aus und diskutieren ausgiebig Schiffstechnik. 

Gefahrene Distanz: 10 km (Motor: 2850h), 

Dienstag 4. April 2023, Rheinfelden: Vorführtermin! Wenn die Experten des Schifffahrtsamtes aus Schafisheim an Bord kommen, dann darf ein wenig Nervosität durchaus sein. Heute marschieren die Herren gleich zu zweit auf, der Chef persönlich gibt sich in Rheinfelden die Ehre. Eigentlich haben wir ein gutes Gefühl, doch die Motorpanne zwei Tage zuvor hat uns gezeigt, dass immer wieder mal etwas schief laufen kann. Das Elektrikproblem haben wir am Morgen beseitigt. Ursache war ein ausgerissenes Kabel beim Unterbrecherschalter am Schalthebel. Dieser Sensor verhindert ein Starten des Motors bei eingelegtem Gang.

Während 45 Minuten nehmen die Kontrolleure NAJADE unter die Lupe und verkünden danach das Ergebnis der technischen Analyse. Alles in Ordnung, ausser ein paar Kleinigkeiten. Beim Dieseleinfüllstutzen muss der Schlauch mit zwei Briden gesichert sein (eine fehlt). Die Gasflasche bei der Aussenkochstelle gehört abgetrennt ins belüftete Gasflaschendepot. Auf den Feuerlöschern muss das Inbetriebnahme-Datum notiert werden (darf man offenbar mit Filzstift selber machen....). Unter dem Motor ist eine Ölwanne oder ein separates, abgetrenntes Bilgen-Abteil nötig. Auch dies ist schnell erledigt. Die Auflage ist erfüllt, wenn die in die Querschotts eingelassenen Abflusskanäle mit Stopfen verschlossen sind.

Der Prüfstempel im Schiffsausweis besiegelt den erfolgreichen Abschluss der technischen Kontrolle. Somit haben wir für die nächsten drei Jahre den behördlichen Segen für unsere Schiffsreisen. Dann steht der nächste Prüftermin an. Wer weiss, ob wir dann tatsächlich wieder in Rheinfelden sind. Falls nicht, dann kommt Plan B zum Zuge: Wir lösen die AG-Nummer 2421 ab und ersetzen sie durch die bereits vorhandene Zulassung K-2111 der Schweizerischen Flaggenbestätigung für Kleinboote. 

Sonntag 16. April 2023: Rheinfelden-Breisach: Der erste Tag der Sommerreise 2023. Sommer???? Eine Farbe dominiert den ganzen Tag: Grau. Dazu regnet es zwischendurch, oder dann nieselt es, egal was, es ist saukalt. Die Dieselheizung läuft länger als der Motor. Die meiste Zeit steuern wir innen, wo es behaglich warm wird. Der neu montierte Scheibenwischer erledigt seine Aufgabe bestens, doch die Frontscheibe läuft an. Somit ist die Sicht nach vorne bescheiden. Nach hinten sieht man gar nichts. Heute Sonntag ist das kein Problem. Kein einziges Berufsschiff fährt rheinabwärts. Die sechs Schleusen zwischen Kaiseraugst und Breisach erwarten uns mit grünen Einfahrtssignalen. Perfekter Service. Einzig in Kembs müssen wir kurz auf einen Bergfahrer warten. 

Die Strecke der ersten Tagesetappe kennen wir bestens. Doch diesmal ist alles anders, nicht nur wegen des frostigen Wetters. Die Crew besteht aus drei Personen. Für die Schleusungen geht die komplette Belegschaft gezwungenermassen nach draussen. Nach dem Ausfahren aus der Schleuse bleibt nur der Käptn oben, weil die Sicht ab der Flybridge besser ist als aus dem Innensteuerstand. Doch auch ihm verleidet das raue Klima schnell. Unten in der behaglichen Wärme dösen die Matrosen bereits. Zum Glück muss man hinter dem Steuerrad stehen, sonst.... Das monotone Brummen des Motors erleichtert das Schliessen der Augen immens, doch Wache heisst wachbleiben....

In Breisach belegen wir wie immer am Aussensteg des Motoryachtclubs Breisach. Wellengang ist heute Nacht nicht zu erwarten. Wir sind vermutlich das einzige Sportboot, das bei diesem Wetter auf Reisen ist. Die Flusskreuzfahrtschiffe sind jedoch auch unterwegs. Kein Grund für Nachtruhestörungen. Die dicken Brocken fahren fast lautlos rückwärts an die Liegestelle Breisach. Einzig das Flutlicht der Scheinwerfer holt einem kurz aus dem Schlaf. Es wird hell, genauso wie wenn der Vollmond durch die Luke scheinen würde.  

Gefahrene Distanz: 74 km, 6 Schleusen (Motor: 2860 h). 

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Montag 17. April 2023, Breisach-Kehl: Die Tagesfarbe ist auch heute Grau, aber das Wetter hat sich gebessert. Es regnet nicht mehr und die Temperatur ist von sehr kalt auf fast sehr kalt angestiegen. Der Nordwind hat nochmals zugelegt. Kurzum, bei sozusagen winterlichen Verhältnissen legen wir in Breisach ab. Gesteuert wird deshalb vorwiegend Innen. Einzig die Schleusenpassagen erfolgen am Steuerstand Aussen. 

In der warmen Stube ist die Übersicht für den Steuermann eingeschränkt. Ein Blick zurück ist nicht möglich. Doch von hinten kommt nichts. Seit wir in Rheinfelden abgefahren sind, hat uns kein Talfahrer überholt. In allen Schleusen war NAJADE alleine in der Kammer. Der Kontrollblick auf den AIS-Empfangsbereich bestätigt die Einschätzung: wir sind die einzigen mit Kurs rheinabwärts. Bergwärts hingegen ist die Verkehrslage normal. Im 15-Minuten-Takt kommen uns Berufsschiffe entgegen. 

Strasbourg hat es auch diesmal in sich. Vor einem Jahr gab uns im Rhein-Rhone-Kanal in der Stadtschleuse ein verärgeter Schleusenmeister einen Crash-Kurs, wie man nach Lehrbuch schleusen soll. Diesmal erfolgt die Belehrung aus dem Kommandoraum der Rheinschleuse Strasbourg. Wie gewohnt melden wir uns in Sichtweite der Schleuse per Funk an. Die Ankunftsmeldung sei viel zu spät erfolgt, reklamiert der Schleusenmeister. Man müsse bereits bei der Einfahrt in den Schleusenkanal zwei Kilometer früher Kontakt aufnehmen. Wenn man dies nicht mache, dann alarmiere er die Polizei und es werde teuer. Das Einfahrtssignal schaltet trotzdem auf Grün. Gleichzeitig erhalten wir die Aufforderung, in der Schleusenkammer am vordersten Poller direkt unter dem Kommandoturm festzumachen. Brav, wie wir sind, befolgen wir die Instruktionen ohne Widerrede, fahren ganz nach vorne und erwarten dort eine Standpauke von oben. Nichts von dem, der Schleusenmeister tritt auf seinen Balkon, begrüsst uns strahlend und zeigt Erbarmen mit der schlotternden Decksmannschaft. Vor einem Jahr sei alles ganz anders gewesen. Mit kurzen Hosen habe er im Aprill gearbeitet, und jetzt dieses garstige Wetter.  Er wünsche uns trotzdem eine schöne Weiterreise, Morgen Dienstag werde sicher viel, viel wärmer sein.... War das mit der Polizei etwa nur als Scherz gemeint???

In Kehl legen wir rückwärts an, bei böigem Seitenwind. Platz hat es in der Marina genug. Wir sind die einzigen Gäste. Sascha kommt hier an Bord, nun sind wir zu viert. Gegen Abend verschieben wir uns nach Strasbourg zum Flammkuchen-Essen und zur nächtlichen Runde um das herrlich beleuchtete Strasbourger Münster. 

Gefahrene Distanz: 65 km inkl. 4 Schleusen (Motor: 2867 h).

Dienstag 18. April 2023, Kehl-Beinheim: Laut Wetterbericht von SWR1 soll heute der wärmste Tag der Woche sein, für Karlsruhe werden 18 Grad vorausgesagt. Bis Kehl ist die Prognose nicht durchgekommen. Hier ist es immer noch grau und der kalte Wind aus Norden scheint kälter als je zu vor.

Draussen auf dem Rhein fegt der Wind noch stärker auf den Bug als im Hafen. Die Wellen zeigen zwischendurch weisse Schaumkronen. NAJADE stampft tapfer nordwärts. Der Schiffsverkehr ist dichter als in den letzten Tagen. In Gambsheim gibt es sogar einen kleinen Scheusenstau. Schlussendlich liegen fünf Schiffe in der grossen Kammer. Zwei leere Eiltanker, ein Holzfrachter und zwei Sportboote.

In Iffezheim sind wir dann noch zu zweit, die Eiltanker haben sich eilig aus dem Staub gemacht. Unmittelbar nach der Eisenbahnbrücke biegen wir links ab, in den Auslaufkanal des Kraftwerks Iffezheim. Dort befinden sich in einem ehemaligen Baggerloch die Hafenanlagen von drei Clubs: Nautischer Club Nordelsass Yachtclub Beinheimi, Motoryachtclub MYC Baden-Baden und der Motorbootclub MBC Iffezheim. Bei letzterem ganz zuhinterst im Hafenbecken machen wir fest. Die Wassertiefe liegt überall bei mehr als 1,5 Metern. Wir sind die ersten Gäste in diesem Jahr. Erst vor einigen Tagen haben ein paar wenige Clubmitglieder ihre Schiffe eingewassert. Alle Vereinsbeizen sind noch geschlossen. Duschen und Toiletten stehen jedoch zur Verfügung (Zugang nur mit Code-Schlüssel, der im Vereinshaus ausgegeben wird, falls jemand dort anwesend ist). 

Gefahrene Distanz: 42 km, inkl. 2 Schleusen, (Motor: 2872 h).

Mittwoch 19. April 2023, Beinheim-Karlsruhe (Maxau): Der kräftige Nordwind hält sich dauerhaft. Der Aussensteuerstand ist heute Pflicht. Mit dem Passieren der Schleuse Iffezheim haben wir den kanalisierten Rhein verlassen. Der Verkehr wird anspruchsvoller, oben auf der Flybridge ist die Übersicht einfach besser. Kaum sind wir auf dem Fluss kommt schon der erste Pulk von Frachtschiffen entgegen. Der hinterste Frachter zeigt die blaue Tafel und signalisiert damit die Forderung nach einer Begegnung Steuerbord/Steuerbord. Wir wechseln auf die andere Fahrwasserseite. 

Die Fahrt nach Karlsruhe Maxau absolvieren wir zügig. Die starke Strömung lässt NAJADE mit knapp 18 km/h talwärts sprinten. Den Hafen Maxau kennen wir von unserer Reise mit den kleinen Sportbooten im Sommer 2013 (Reisebericht). Damals legten wir während des Hafenfests an, die Marina war ausgebucht. Heute sind die Stege leer. Ein einziges Schiff liegt gegenüber in der Box. Jemand winkt von dort. Es ist der diensthabende Hafenmeister. Von ihm erhalten wir die Zugangskarte für das Eingangstor und einige Tips für den Stadtbesuch in Karlsruhe. Die Tramhaltestelle liegt ganz in der Nähe. 

Schlechte Nachrichten gibts für Freitag. Die Hälfte der Crew möchte ab Speyer mit dem Zug nach Hause fahren, doch die Gewerkschaft des öffentlichen Personals kündigt einen bundesweiten Streik an, der auch die Schiene mit einschliesst. Somit ändern wir für morgen das Programm. Wegfahrt in Maxau um 9 Uhr, am Donnerstag Nachmittag wird in Speyer auf den Zug Richtung Heimat umgestiegen. 

Gefahrene Distanz: 28 km (Motor: 2874 h)

Donnerstag 20. April 2023: Karlsruhe-Speyer: Überraschende Begegnungen unterwegs freuen doppelt. Ein einziges Sportboot ist uns seit Sonntag entgegen gekommen. Höhe KKW Philippsburg nähert sich das Sportboot Nummer 2. Es dampft bergwärts gegen die Strömung. Beim Vorbeifahren sehen wir die Schweizer Flagge am Heck. Laut AIS handelt es sich um die HONU LULU. Hoppla, das ist doch das Boot unseres BCR-Vereinspräsidenten! Ich funke Peter an, und er ist genauso überrascht wie wir. Auf Kanal 11 tauschen wir die Neuigkeiten aus. HONU LULU ist auf dem Heimweg ab Werft und Winterlager Monndorf nach Strasbourg. Die letzte Station war der Yachthafen Speyer. Wir erhalten Infos über den freien Gastliegeplatz und die Zugangcodes für die Türe zum Steg. Sehr praktisch. Denn als wir in Speyer einfahren, läuft der mehrfache Anrufe auf die Nummer des Hafenmeisters ins Leere. Auch ohne personelle Unterstützung und dank der heute erhaltenen Insiderinformationen schaffen wir die Formalitäten locker. Die Liegegebühren entrichtet man am Parkplatzautomaten. Das ausgedruckte Parkticket dient als Türöffner für das Marinagebäude (Duschen, Toiletten, Waschmaschine (ohne Tumbler)) und das Hafenareal.

Am Morgen scheint die Sonne, in Speyer ziehen dunkle Wolken auf. Exakt als wir in Richtung Bahnhof losmarschieren fallen, die ersten Regentropfen. Wir verabschieden die Hälfte unserer Crew in den unbefristeten Heimaturlaub. Nun sind wir bis Sonntag nur noch zu zweit an Bord. Der Hafenmeister hat uns unterdessen die Aufwartung gemacht, mit einer schlechten Nachricht. Wir müssen morgen Mittag umparkieren, an den Gästesteg gegenüber. Das ist an und für sich kein Problem, aber der Weg zur Toilette wird fünfmal länger, weil nun die komplette Hafenbucht zu umrunden ist.

Gefahrene Distanz: 39 km (Motor: 2877 h).

Samstag 22. April 2023, Speyer-Mannheim: Freitag ist gemäss unserem Zeitplan eigentlich Ruhetag. Nicht so heute: Das Arbeitsprogramm liegt vor: Umparkieren, Deckschruppen, Einkaufen, Waschen. Speyer ist ein beliebter Stopp für Flusskreuzfahrten. Jeweils um 16 Uhr werden die Gäste ins Städtchen entlassen. Die lokalen Läden machen dann ihre Zusatzgeschäfte und die Wirtschaften werden proppenvoll. Für den Apéro ergatterten wir das letzte Plätzchen an der Sonne, um dann relativ zügig die Rechnung zu begleichen und abzuhauen. Donnergrollen kommt näher und näher, das erste Gewitter der Saison zieht heran. Wir flüchten mit den Velos und erreichen gerade noch rechtzeitig unser Schiff.  

Heute Samstag wachen wir mit Sonnenschein auf und es wird schnell warm. So macht das Reisen Freude. In Speyer treffen sich am Morgen Oldtimer-Busse aus ganz Europa. Mit dabei auch ein betagter Reisecar aus Bern, der schweiztypisch mit einem Jodlerchörli an Bord anreiste. Ein Besuch des Treffens ist für mich als ehemaligen Busoldtimer-Fahrer natürlich Pflicht.

Nach knapp einer Stunde Fahrzeit biegen wir in Mannheim in den Hafen des Motoryacht-Club Kurpfalz MCK ein. Den ersten Stopp legen wir am Tanksteg ein und bunkern 320 Liter GTL-Diesel. Danach verschieben wir auf den Gästeplatz am Clubschiff HEIMAT. Dort findet am Nachmittag eine Trauung in einem schwimmenden Zelt statt. Ein durchaus origineller Ort zum Heiraten. Brautpaar und Hochzeitsgesellschaft haben ein seemännisches Panorama vor sich. Auf dem Rhein ziehen im Fünfminuten-Takt Frachtschiffe vorbei, lärmende Wassertöffs und Sportboote machen Rennen, und ebenfalls im Blickfeld liegt die Bootstankstelle, an der einige Anlegemanöver schief laufen. Für Hintergrund-Unterhaltung während der vielleicht nicht so spannenden Trauungs-Zeremonie ist somit gesorgt. 

Am Abend wird die HEIMAT für uns zur temporären Heimat. Wir geniessen das Abendessen im schwimmenden Restaurant. Der Wirt hat uns einen Tisch direkt auf Höhe der NAJADE reserviert. Für einmal können wir die Rolle der Zuschauer übernehmen. Wir sehen vor dem Fenster ein stattliches Motorschiff aus der Schweiz, das im Regen stehen gelassen wurde....

Gefahrene Distanz: 12 km (Motor: 2879 h).   

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Montag 24. April 2023, Mannheim-Mainz: Auf der NAJADE beginnt die Woche mit der Stammcrew, wir legen zu viert in der Originalbesetzung ab. So waren wir in den letzten zwei Jahren unterwegs, und so werden wir bis zum Herbst weiterreisen. Acht erfahrene Hände an Deck machen vieles einfacher, wir haben schon vieles gemeinsam erlebt, man nimmt alles ein wenig gelassener. Auch das miese Wetter.

Wir fahren in Mannheim bei Sonnenschein los, doch der kalte Wind bläst jegliche Frühlingsgefühle weg. Im Bauch der NAJADE wird geheizt und oben an Deck gefroren. Zwischendurch erreichen die Böen fast Sturmstärke, die Wellen tragen weisse Schaumkronen und Regenschauer vernebeln die Sicht. Mitte Juni 2022 waren wir auf demselben Rheinabschnitt unterwegs, damals bei sommerlicher Hitze. Mit Ausnahme der letzten Stunden vor dem Ziel Mainz: es war kalt, wir zogen Regenjacken über und freuten uns über das Deckschruppen, weil das Rheinwasser die kalten Füsse wärmte. Heute legen wir die Regenjacke keine Minute ab, und die zwei Pullover darunter ebenfalls nicht, und auch nicht die Mütze und die Handschuhe! 

Der Berufsverkehr auf dem Rhein ist seit Mannheim deutlich dichter geworden, flussaufwärts folgen sich die Frachter im kurzen Takt. Im Rücken hingegen herrscht weitgehend Ruhe. Einzig die Flusskreuzfahrtschiffe setzen zum Überholen an. Kurz vor Mainz sitzt die VIKING MANI der NAJADE im Nacken. Gross geht vor klein, normalerweise. Wir überlegen bereits, wie wir uns vor der bevorstehenden Brückendurchfahrt vor dem Winterhafen Mainz dünn machen können. In diesem Moment meldet sich der Kreuzfahrtschiffkapitän via Funk. Er erkundigt sich, was die NAJADE an Kursänderungen vorhabe. Das VIKING-Schiff plane nämlich die Einleitung eines Überholmanövers. Er lasse aber NAJADE die Wahl. Wir künden das Einbiegen in den Winterhafen Mainz nach der Brückendurchfahrt an. "Kein Problem", tönt es zurück, "wir treten ein wenig auf die Bremse." So was! Das 110 Meter lange Kreuzfahrtschiff legt auf dem Weg nach Amsterdam eine kurze Pause ein, um der alten, zehnmal kleineren NAJADE die Vorfahrt zu geben. Dafür bedanken wir uns sehr freundlich.  

Beim Yacht-Club Mainz sind die freien Gastliegeplätze mit grünen Hinweistafeln markiert. Wir peilen eine der leeren Boxen an, exakt jetzt fegen gewitterartige Regenböen durch den Hafen. Eines liebt NAJADE beim Anlegen überhaupt nicht: starken Wind. Die Sicherheit geht vor: Wir legen eine kurze Pause ein und warten einen günstigen Moment ab, um schnell und sicher mit Bug voran am Fingersteg festzumachen. Bravo! 

Kaum sind die Leinen fest, scheint die Sonne wieder. Wir spazieren hoch zur Zitadelle und dann über den Domplatz, bis wir dort landen, wo wir auch vor einem Jahr waren: im Augustinerkeller. Tja, im Alter wird man halt bequem. Altersgerecht sind auch die Zugangsmodalitäten zum Steg geregelt: der Zugangscode ist gleich geblieben wie im Juni 2022. Am Steg des Yachtclubs Mainz sind wir die einzigen Gäste. Uns stehen saubere und zeitgemässe Toiletten und eine Dusche uneingeschränkt zur Verfügung. Am Vortag in Mannheim war es ähnlich, aber punkto Ausstattung und Zustand kann der Mannheimer Sanitär-Container mit Mainz nicht mithalten.

Gefahrene Distanz: 85 km, (Motor: 2885 h).

Dienstag 25. April2023, Mainz-Bingen: Morgen Mittwoch geht es durch die berühmt-berüchtigte Loreley. Eine Sehenswürdigkeit wird sich dabei an die nächste reihen. Deshalb widmen wir uns heute den weniger spektakulären Dingen des Alltags als Reisende auf dem Rhein. Bleiben wir beim Wetter: Es regnet nicht, der Himmel zeigt mehr blaue Stellen als auch schon, doch es bleibt kalt, respektive es wird noch kälter. Somit heizen wir bis Bingen durch, nicht tempomässig, aber mit der Webasto-Dieselwarmluftheizung. Telefonisch erhalten wir am Steg des Motor-Yacht-Club Bingen den Liegeplatz 45 zugeteilt. Dort machen wir fest und spazieren nach vorne zum Restaurant-Clubschiff. Dieses ist heute unglücklicherweise geschlossen. Die landseitigen Türen sind mit einem Codeschloss gesichert. Wir probieren die Geheimzahl vom letzten Jahr. Leider eine Niete. Nach dem Anruf beim Hafenmeister haben wir den gültigen Code. Nun gehen die Türen auf. 

Restaurant zu, das heisst Kochen an Bord, respektive Einkaufen im nächsten Lebensmittelgeschäft. Google wird fündig und empfiehlt uns "Hugo - Der Wurstautomat" in einer Gehdistanz von 600 Metern. Die Internetrecherche führt zum "Neuen Mitarbeiter der Metzgerei Brager". Hugo arbeitet rund um die Uhr und bietet laut Metzgerei eine grosse Auswahl an essbaren Dingen an. Vor Ort sind wir ein wenig enttäuscht, Hugo kann weder kochen noch grillen, aber wir entlocken ihm zwei Wurstpakete als Sättigungsbeilage für Pasta mt Tomatensauce auf der tagesaktuellen NAJADE-Speisekarte. . 

Auf dem Rückweg vom 24-Stunden-Arbeiter Hugo zum Hafen wählen wir den Abstecher hoch zur St. Rochus-Kapelle. Der Spazierweg führt zuerst durch den Friedhof und danach - sehr passend - durch die Friedhofvorstufe Weinberg. In Wettingen kennen wir die kleinparzelligen Rebberge. Hier in Bingen-Kempten ziehen sich die Reben bis zum Horizont, und das ist sehr, sehr weit. Oben bei der Kapelle breitet sich ein eindrückliches Panorama aus. Rechts Richtung Süden und Osten dominieren die sanften Hügel der Weinregion Rheinland-Pfalz. Im Norden und Westen sind es die Berge von Taunus und Hunsrück. Dazwischen mutiert der Rhein vom breiten, seenartigen Strom zu einem Fluss, der sich durch die schmale Klus Richtung Loreley drängt. 

Das Essen an Bord wird sehr gemütlich. Der Wetterbericht warnt vor Frost in der Nacht. Wir aktivieren den Ofen Nummer 2, ein Warmluftheizgerät mit einem Guckfenster. Dort drin glühen Holzscheite und Flammen züngeln. Da wird es einem mit dem unechten Feuer echt warm ums Herz.   

Gefahrene Distanz: 30 km, (Motor: 2888h).

Mittwoch 26. April 2023, Bingen-Koblenz:   Die heutige Etappe umfasst die Bergstrecke des Rheins, die für uns zur Talstrecke wird. Der Flussabschnitt zwischen Bingen und Koblenz ist bei den Flussschiffern wegen seiner engen Fahrwasser und den starken Strömungen gefürchtet, touristisch hingegen gilt die Strecke als Highlight einer Rheinfahrt. Die Loreley ist inbegriffen. Wir sind schon zweimal am markanten Felsen vorbeigefahren, ohne uns durch die sanfte Verführungen der mythischen Gestalt ablenken zu lassen. Auch heute passiert nichts schwerwiegendes. 

Links und rechts des Rheins folgen sich die Sehenswürdigkeiten im schnellen Takt. Niederwald-Denkmal, Binger Mäuseturm, Burg Rheinstein, Burg Reichenstein, Burg Sooneck, Burg Pfalzgrafenstein, Burg Katz, Burg Rheinfels, Schloss Sterenberg, Marksburg, Schloss Martinsburg, Schloss Stolzenfels und wie sie alle noch heissen. Und schon kommt Koblenz in Sicht. Kurz vor der Stadt fährt uns der Frachter BASILEA entgegen. Vorne im Bug winkt Jan. Das ist der Sohn vom BCR-Präsidenten Peter, dem wir vor einer Woche ebenfalls überraschend begnet sind. Winke, winke, und schon ist die BASILEA samt Jan vorbei. Wir legen rechtsufrig in der Rhein-Marina Kaiser Wilhelm an. Zum dritten Mal nach 2013 und 2022.

In Koblenz gehört der Besuch der imposanten Festung Ehrenbreitstein zum Pflichtprogramm. Diesmal gehen wir den Berg von hinten an. Wir nutzen den Ehrenbreitsteiner Festungsaufzug. Oben spazieren wir über das weitläufige Areal der ehemaligen Bundesgartenschau und der Festung. Talwärts gehts zu Fuss, über die Treppen und Serpentinen des steilen General-Alster-Wegs, ein echter Geheimtipp. 

Gefahrene Distanz: 64 km, Motor: (2893 h).

Donnerstag 27. April 2023, Koblenz-Köln: Hinter den sieben Bergen liegt Köln. Wir durchqueren heute das Siebengebirge. Ab Köln wird es flach, bis zum Meer sind nur noch knapp 40 Meter Gefälle zu überwinden. Von Koblenz nach Köln geht es rund 30 Meter abwärts. Die Strömung zieht zwischendurch kräftig, Zeitweise erreicht NAJADE eine Geschwindigkeit von über 19 km/h. 

Nach etwas mehr als sechs Stunden Fahrt bei erneut sehr kaltem Nordwind machen wir in Köln Rheinau fest. Den Hafen kennen wir vom letzten Jahr. Er bietet alles, was man sich wünscht, mit den drei Kranhäusern auch ein beeindruckendes architektonisches Umfeld. Nun scheint die Sonne. Im Nu wird es unter dem Verdeck angenehm warm. Wir besprechen beim ersten Freiluft-Apéro in dieser Saison die Weiterfahrt. Am 10. Mai werden wir im Mittelandkanal FLORIAN aus Rheinfelden treffen. Danach lassen wir NAJADE für drei Wochen im Hafen Lübbecke zurück. Der erste Vorsitzende des Motor-Yacht-Clubs Lübbecke sichert uns einen Gästeplatz zu, nachdem es zuerst nicht so gut ausgesehen hatte.   

Hier in Köln treffen wir Markus, den Puppenspielerkünstler. Wir haben ihn in Santorini vor Jahren kennen gelernt. Er arbeitet beim Hänneschen Theater, dem Puppentheater von Köln. Für Freitag konnte er uns Tickets für die Abendvorstellung beschaffen. Wir sind sehr gespannt. Die Aufführungen erfolgen im Kölscher Dialekt. 

Zum gemeinsamen Abendessen spazieren wir durch das Südquartier und landen im Restaurant Bagatelle. Das Lokal bietet rund 50 kleine Speisen an, die sich beliebig kombinieren lassen. Sehr freundliches Personal, ein paar Gläschen Peters Kölsch und die feinen Häppchen hinterlassen einen ausgezeichneten Eindruck.    

Gefahrene Distanz: 97 km, (Motor: 2899 h).

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Samstag 29. April 2023, Köln-Düsseldorf: Am Freitag tanzen die Puppen. Im Hänneschen Theater  wird "En schele Biesterei" gespielt. Der Schwank hat einen Schweizer Bezug. Die global tätige Unternehmung Prestle will die Wasserversorgung von Knollendorf übernehmen. Das haben wir in der Vorschau gelesen. Der Tipp kam von Markus: "Ohne Kenntnisse der Geschichte und ohne Kölsch-Kenntnisse werdet ihr keinen Spass haben,"

Somit nehmen wir gut vorbereitet und gespannt im vollen Theatersaal Platz. Die nächsten zwei Stunden gehen im Fluge vorbei, Standing Ovations schliessen die Aufführung ab, und wir sind sehr, sehr, sehr begeistert und beeindruckt. Der Abend ist einfach nur sensationell. Almi und Markus versorgen uns mit Internas über die Abläufe vor und hinter der Bühne. Wir entschweben in die Welt der Puppenspieler und sind erstaunt über den riesigen Aufwand der nötig ist, um den Figuren Leben und Charakter zu geben. Gratulation! Spass haben wir sehr viel gehabt. Wir sind sicher nicht das letztemal in Köln beim Hänneschen gewesen.

Der Transfer nach Düsseldorf ist ein kleiner Hüpfer. Eine tiefe Wolkendecke hängt über dem Rhein, der Fluss ist nun breit und träge geworden und schliecht in engen Schalufen dem Meer entgegen. Im nebligen Dunst sieht man den Fernsehturm einmal links und dann wieder rechts, und nach knapp drei Stunden Fahrt direkt vor dem Bug. Hier beigen wir in den Medienhafen ab, im ersten Becken backbord befindet sich die Marina Düsseldorf. Die Kulisse hinter dem Hafen ist weltstädtisch: Fernsehturm, topmoderne Glastürme, architektonische Auswüchse und renovierte Altbauten. Die Reservation des Liegeplatzes erfolgt online, das Bezahlen ebenso. Dafür stellt die Marina eine ausgefeilte Webapplikation zur Verfügung. Nach dem elekronischen Einchecken erhält man die Rechning per Mail, inklusive Zugangscode für die Türen. Alles klappt, und die Krönung gibts gleich beim Anlegen. Der Hafenmeister persönlich kommt vorbei und heisst uns freundlich willkommen.  

Gefahrene Distanz: 35 km, (Motor: 2903 h).

Montag 1. Mai 2023, Düsseldorf-Duisburg: Der Rheinstrand in Düsseldorf ist attraktiv. Am Sonntag scheint die Sonne vom fast wolkenlosen  Himmel. Wir lehnen uns in den Liegestühlen zurück, beobachten die Schiffe auf dem Rhein und geniessen einen Schluck Weissen. Hunderte andere machen das auch, Strandstimmung, Sonntagsfrieden. Zuvor sind wir durchs Quartier rund um den Medienhafen spaziert. Architektonisch sehr interessant. Zwischen den futuristischen Glaspalästen und Stahlbauten finden sich Zeitzeugen aus der Vergangenheit des Umschlaghafens, Lagergebäude mit Ziegelsteinfassden etwa oder Eisengerüste von Kranbahnen, die nun Büroquader targen. Die einzelnen Neubauten sind zwar grundverschieden, aber sie verschmelzen zu einem imposanten Ganzen. 

Der Tag der Arbeit ist in Deutschland bundesweiter Feiertag. Dem sonnigen Sonntag folgt ein trüber Montag, nicht nur wettermässig, sondern auch beim Handling des Schiffs. Beim Rückwärtsablegen hacken wir mit der Badeplattform am Steg ein. dadurch wird die Ecke der äussersten Planke eingedrückt. Nicht tragisch, aber unschön. Beim Anlegen in der Marina Düsseldorf passiert das zweite Malheuer. Zwei Motorboote engen die Zufahrt zum Liegeplatz ein. Beim Aufstoppen in der schmalen Lücke schiebt sich das Heck nach rechts statt nach links. Wir touchieren das Fahrschulboot und hinterlassen in dessen Gummischeuerleiste eine Delle. Den Schaden gleichen wir unbürokratisch im gegenseitigen Einvernehmen aus. Das Ganze ist trotzdem ärgerlich, denn zuvor hatten wir bereits an einem anderen Liegeplatz festgemacht, der uns telefonisch vom Hafenmeister zugewiesen worden war. 

Fazit: Den Service in der Duisburger Marina können wir nicht loben. Toiletten, Duschen und Stromsäulen lassen sich nur mit einem Dongle aktivieren. Dieser Chip wird vom Hafenmeister ausgegeben. Nur ist leider niemand da. Er komme erst Morgen Dienstag wieder in sein Büro, teilte uns der Mann mit. Zudem sei unser aktueller Liegeplatz doppelt reserviert worden, deshalb müssten wir zeitnah umparken. 

Duisburg ist nicht Düsseldorf. Zwar rahmen auch hier moderne Glas- und Stahbauten den Hafen ein, aber viel weniger spektakulär und wuchtig wie im Medienhafen. Aufbruchstimmung und Innovationsgeist ist kaum spüren. Auch im Stadtzentrum fehlt die pulsierende Festlaune, die in Düsseldorfer die Gassen und Kneipen zum Beben brachte. Hier ist alles ein wenig grau, ja, und es beginnt wieder zu regnen. Wir verdrücken uns in die griechische Taverne Hellas, wo der Sonnenschein wieder Oberhand gewinnt, kulinarisch jedenfalls.

Gefahrene Distanz: 37 km, (Motor: 2906 h). 

Mittwoch 3. Mai 2023, Duisburg-Duisburg: Manchmal lohnt es sich, in der Zeit der Abfahrtsvorbereitungen den Schiffsfunk mitzuhören. Wir haben am Funkgerät bereits den Sprechkanal der Schleuse Meiderich (VHF 82) eingestellt. Beim Warmlaufen des Motor versiegt der Kühlwasserstrom. Motor aus, Kühlkreislauf checken, Filter reinigen, wieder Starten. Erneut kein Wasseraustritt aus dem Auspuff. Nun folgt die Prüfung des Impellers, auch hier ist kein Problem erkennbar. Alles wird sorgfältig wieder zusammengebaut, und nun liefert der Kühlkreislauf Kühlwssser. Im Funkgerät verfolgen wir den Funkverkehr mit der Schleuse mit. Ein Schiffer erkundigt, ob der Rhein-Herne-Kanal heute tatsächlich gesperrt sei. Die Antwort ist positiv, ab der Schleuse Oberhausen ist keine Weiterfahrt möglich. 

Die Übersichtskarte auf der Infoplattform ELWIS zeigt zwischen Oberhausen und Gelsenkirchen zwei rote Fähnchen. Hinterlegt ist die Sperrungsmeldung. Eine Rohrbrücke wird heute abgebrochen. Die Passage der Baustelle ist gesperrt. Wir lernen: Künftig überprüfen wir vor der Abfahrt jeweils auch die aktuellen ELWIS-Infos. 

Beim Hafenmeister verlängern wir den Aufenthalt um einen Tag. Von der Sperrung habe er keine Kenntnis. Tja, so ist es halt. 

Ein Problem kommt selten allein. Wir docken den Landstrom wieder an und holen beim Hafenmeister einen Dongle, um das Stromkonto an der Ladesäule zu aktivieren. Das funktioniert nicht auf Anhieb. Der Support des Hafenmeisters führt ebenfalls nicht zum Ziel. Wir orten den Fehler im Stecker des Adapterkabels. Ein Ader ist komplett verkohlt und verschmolzen. Das sieht nach einer Überlast auf dem Kabel aus, doch alle Sicherungen sind intakt. Rätselhaft. Wir wechseln Kupplung und Stecker, nun läuft alles wieder. 

Da heute mit der Seefahrt nichts wird, satteln wir auf die Velos um. Unser Ziel ist der Duisburger Nordpark, ein riesiges Areal auf dem Gelände eines ehemaligen Stahlwerks. Wir fahren staunend zwischen den riesigen Hallen,Schmelzöfen und Förderanlagen umher. Der Ofen Nummer 5 lädt zum Erklettern der Ausscihstplattform ein. Von oben bietet sich für uns Schweizer ein unbekannter Rundblick. Rundum ist alles flach bis zum Horizont, einfach flach. Nur Fernseh- und Kühltürme, Windräder und Industriekomplexe ragen in den Himmel. Ein kleiner Hügel zeichnet sich im Osten ab: einer der "hohen Berge" im Ruhrgebiet. Es ist die Halde Haniel in der Nähe von Bottrop mit einer Höhe von 118 Metern. 

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Donnerstag 4. Mai 2023, Duisburg-Gelsenkirchen: Nun liegt der Rhein hinter uns. Irgendwie können wir es uns nicht vorstellen, in den nächsten Jahren auf Rheinwasser zu verzichten. Vater Rhein hat uns bisher auf unseren Reisen immer wieder begleitet, ein wenig Wehmut schwingt mit, als NAJADE beim Rheinkilometer 780.4 rechts in den Hafenkanal abbiegt. 630 km flussäufwarts liegt Rheinfelden, 200 km weiter zu Tal, und wir hätten die Nordsee vor. 

Vom riesigen Hafen Duisburg sehen wir die Einfahrten in die fjordähnlichen Hafenbecken. Und schon beginnt wieder die Schleusenarbeit. Der Schleusenmeister von Meiderich leitet uns in die Warteposition Sportbootanleger. Der Stopp ist nur kurz, wir können 5 Minuten später einfahren. Genau jetzt bockt die Einhebelschaltung auf der Flybridge. Der Gaszug ist manchmal blockiert, und manchmal nicht. Die Schleusenausfahrt steuern wir von innen in der Stube. Danach wiederholt sich das Spiel im zufälligen Takt. Manchmal läuft alles normal, manchmal bockt der Gashebel oben. Trotzdem sind die Sorgenn heute klein, denn wir erleben den ersten echten Sommertag der Saison!

Jetzt sind wir im Rhein-Herne-Kanal..Nach dem Festmachen in der Graf-Bismark-Marina in Gelsenkirchen, der Hafen heisst auch Stöltin-Marina, hat die dortige Strandbar wegen des sommerlichen Wetters mehr Priorität als die Fehlersuche in den Innereien der NAJADE. Nach dem Bier machen wir uns dann die Hände ein wenig schwarz, mit dem Ergebnis das nach einigen Spritzern WD40 vorerst mal alles leidlich funktioniert. Wir sehen morgen weiter, ob es so bleibt.

Gefahrene Distanz: 34 km, inkl. 3 Schleusen, (Motor: 2912 h).

Freitag 5. Mai 2023, Gelsenkirchen-Henrichenburg: Sommertag Nummer 2, aber nur bis 14 Uhr. Eine Gewitterfront nähert sich aus dem Norden. Der Wetterbericht warnt vor starken Regenfällen am Nachmittag. Die letzten 19 km auf dem Rhein-Herne-Kanal legen wir vor dem Regen bei Sonnenschein im T-Shirt zurück. In den zwei Schleusen werden wir allein hochgeschleust. Die Schleusenmeister geben uns jeweils die ruhigen Schwimmpoller 1 und 2 backbord zum Anlegen an. Weiter vorne sorgt das von unten einströmende Wasser für starke Turbulenzen. In den Engstellen des Kanals kündigen sich die Kaptäne der entgegenkommenden Berufsschiffe früh über Funk an (AIS sei Dank). So können wir in den breiten Ausweichbuchten die Begegnung mit der Grossschiffahrt abwarten. 

Wie angekündigt verdichten sich am Nachmittag die Wolken, Weiss wird zu Grau und dann zu Schwarz. Angelegt haben wir beim Yachtclub Hebewerk Henrichenburg YCHH. Der Name sagt es, wir liegen unmittelbar vor dem historischen Hebewerk am Steg. Der YCHH ist ein echter Vereinshafen. Der Hafenmeister hat uns bereits am Telefon alle Details erklärt. Der Kopfsteg ist für Gastlieger reserviert. Beim Einbiegen in die kleine Bucht vor dem stillgelegten Hebewerk bietet uns ein Vereinsmitglied Hilfe beim Anlegemanöver an. Dann trinken wir zusammen mit dem benachbarten Bootseigner Kaffee und hören viele Geschichten aus dem Ruhrgebiet. Der ehemalige Arzt hat seinen Lebensmittelpunkt zur Hälfte in Schweden und gibt uns Routenentscheidungshilfen, falls wir einmal vor der Frage Skandinavien oder Niederlande stehen sollten. Sein Fazit ist eindeutig: Es gibt nichts Schöneres als die Schäreninseln an Schwedens Ostküste. 

Die nächste Talkrunde führen wir mit dem Hafenmeister. Er kennt als Fremdenführer das alte Hebewerk Henrichenburg bis zur kleinsten Schraube. Die Besichtigung der Anlage ist demnach ein Muss. Wir nutzen eine Regenpause und marschieren los. Die eifelturmartige Konstruktion mit ihrem Netz von Stahlträgern und unendlich vielen Nieten stammt aus der Zeit von Kaiser Wilhelm II. Fünf riesige Schwimmer in tiefen Löchern hoben damals die über 3000 Tonnen schwere Badewanne samt Schiffen in 12 Minuten rund 14 Meter in die Höhe. Zum Hebewerk gehören ein spannendes Museum und verschiedene alte Fracht- und Berufsschiffe, die man ebenfalls von Innen besichtigen kann. Leider ist unser Rundgang schnell zu Ende. Es giesst plötzlich wie aus Kübeln. Aufgrund der Unwetter- und Gewittergefahr wird der Aussenbereich geschlossen. Wir rennen zur NAJADE zurück und warten auf bessere Zeiten.

Gefahren Distanz: 19 km, inkl. 2 Schleusen, (Motor: 2914 h).

Samstag 6. Mai 2023, Henrichenburg-Senden: Haben wir uns in der Jahreszeit geirrt? Dichter Nebel verschleiert die Sonne, die hinter Bäumen aufgeht, alles ist feucht, auch die Alufensterrahmen unseres Schiffes. Das Kondenswasser sammelt sich zu wachsenden Tropfen, und ab und zu fällt einer nach unten. Dumm gelaufen, wenn man dann exakt darunter liegt. Also Aufwachen, Aufstehen und Zeitung lesen, das normale Prozedere am Morgen auf der NAJADE. Dann gibt's Frühstück und dann fahren wir so gegen 10 Uhr los. 

Das Roadbook meldet für heute den Beginn einer neuen Wasserstrasse. Unmittelbar nach der Hafenausfahrt verlassen wir den Rhein-Herne-Kanal und fädeln uns bei Kilometer 16 in den Dortmund-Ems-Kanal ein, Vor uns fährt der Frachter FREYJA, an seine Heckansicht werden wir uns in den nächsten drei Stunden gewöhnen. Ziemlich langweilig? Nur auf den ersten Blick! 

Heute Samstag ist bei den Schifferclubs entlang des Kanals Anfahrtag oder Saisoneröffnung. In Datteln findet ein grosses Kanurennen statt. Die Sonne scheint und links und rechts des Kanals zeigt sich ein Panorama, das für uns Alpenländer ausserordentlich ist. Flach soweit das Auge reicht! Riesige Felder, Bauernhöfe und Waldparzellen wechseln sich ab, dazwischen hebt sich ein Kirchturm oder ein Windrad ab, keine Berge versperren die Sicht. Zwischendurch ist diese Aussicht sehr schön. Und wir begegnen den ersten Bunbos, den Bungalowbooten. Diese viereckigen schwimmenden Miet-Wohnboote soll es im Grossraum Berlin und auf den dortigen Seen in einer grossen Zahl geben. 

Kurz vor dem Städtchen Senden biegen wir rechts in den Altarm zum Liegeplatz beim Campingplatz Kranencamp ab. In der Einfahrt treffen wir auf die Flottilie des Yachtclubs Kranen-Camp. Ein Dutzend beflaggte Boote kommt uns entgegen, grosse und kleine. Wir warten und bekommen Tipps zur Fahrt im Kanal: In der Mitte bleiben, der maximal mögliche Tiefgang liegt bei 1,1 Metern. NAJADE kommt gut durch, wühlt aber ein wenig Schlamm auf. Die Steganlage ist einfach, aber zweckmässig. Der Stromanschluss funktioniert auf Anhieb, die sanitären Anlagen befinden sich im Haupthaus des Campingplatzes. Die frischen Brötchen für morgen kann man schon heute beim Einchecken bestellen. Sehr praktisch!

Gefahrene Distanz: 31 km, (Motor: 2918 h).

Sonntag 7. Mai 2023, Senden-Fuestrup:  Der Bestellservice für den Frühstücktisch klappte bestens. Wir tafeln ausgiebig und schlammen uns um 10 Uhr aus dem seichten Stichkanal. Hinter dem Frachter ESMEE fädeln wir uns ein. Das Binnenschiff führt uns nun die nächsten dreieinhalb Stunden durch den Kanal, das Tempo liegt zwischen 8,5 und 9,5 km/h. Wie gewohnt bläst es von vorne, und wie gewohnt ist der Wind sehr erfrischend. Erst bei der Durchfahrt von Münster nimmt der Gegenwind ab und unter dem Verdeck stegen im Sonnenschein die Temperaturen. Im Stadtzentrum von Münster gäbe es den Stadthafen mit kostenlosen Gastplätzen ohne Strom und Toiletten. Lokale Bootfahrer haben uns abgeraten, am Wochenende dort festzumachen. Je nach Alkoholpegel der Passanten sei mit Unannehmlichkeiten zu rechnen. 

Hinter der ESMEE erreichen wir die Schleuse Münster mit ihren drei Kammern und könnten gleich mit einfahren. Wir melden uns an, der Schleusenmeister bittet um das Abwarten von weiteren Informationen. Folgsam wie wir sind stoppen wir die Fahrt. Der Funk bleibt still, wir warten weiter. Dann meldet sich der Kommandoraum mit der Frage, ob wir denn nicht zu Tal mitschleusen möchten....Ja, richtig, zu Tal: ab hier gehts in Richtung Meer wieder abwärts, nachdem wir mit dem Hinaufklettern im Rhein-Herne-Kanal das Niveau des Dortmund-Ems-Kanals erklommen hatten. 

Nach dem Passieren der Schleuse Münster fährt die ESMEE nur noch Schritttempo. Ursache ist die Baustelle beim Kilometer 77, wo die alte Kanalbrücke über die Ems nue gebaut wird. Den Engpass umschifft man über eine provisorische Kanalbrücke, die jeweils stundenweise zu Tal oder zu Berg befahren werden darf. Der Kapitän der ESMEE bestätigt auf Anfrage, dass dieser Einbahnverkehr auch für Vergnügungsschiffe gelte. Wir legen deshalb vor der imposanten Baustelle eine Kaffeepause ein. Punkt 15 Uhr geht die ESMEE wieder in Führung. Kurz später biegen wir in die Marina Fuerstrup ein. Schluss für heute. Mit dem Checking bei der Hafenmeisterin erhalten wir vier Bons für einen Welcome-Drink, die wir gleich einlösen. Prost!  

Gefahrene Distanz: 34 km, inkl. 1 Schleuse, (Motor: 2923 h).

Dienstag 9. Mai 2023, Fuestrup-Brahmsche: Mit den Gastliegeplätzen in den Marinas ist es so eine Sache. Die einen verwalten ihre Stegplätze vorbildlich und wissen, welcher Platz wann und wie lange frei ist. Die Marina Fuerstrup gehört zur anderen Gruppe. "Legen Sie auf einem freien Liegeplatz zwischen den Nummern 1 bis 35 an, dort wo grüne Schilder sind", teilt uns die Hafenbetreiberin am Telefon mit. Wir fahren dem Steg entlang und finden mehrere leere Boxen, doch keine ist grün markiert. Wir parken am Steg Nr. 26 und melden uns beim Hafenamt. "Alles ok, sie können hier zwei Nächte bleiben", bestätigt die Dame hinter der Theke. 

Am Montagmorgen sitzen wir bei Kaffee und frischen Gipfeli (bestellt am Abend zuvor) am Zmorgetisch, als es energisch am Fenster klopft. "Sie müssen da sofort weg, das ist unser Liegeplatz", erklärt die resolut Klopfende. Wir sagen zuerst Mal "Guten Morgen", was die Dame schon mal freundlicher stimmt. Ihr Schiff wird demnächst eingewassert und ab dann ist die Box belegt. Klar, wir parken um und wählen nun die freie Box mit der Nr. 30. Die Mutation geben wir gleich danach ans Hafenbüro weiter. "Ist schon ok", bestätigt auch diesmal die Bürofrau. Zurück am Liegeplatz marschiert der Hafenmeister auf . "Sie müssen hier weg", meint er. Als er unsere fragenden Blicke sieht, blättert er nochmals seine Papiere durch, und korrigiert sich: "Dann bleiben Sie halt da."  Da sagen wir gerne Danke. 

Um weitere Umparkmanöver zu umgehen, starten wir einen Tagesauflug nach Münster. Wir sind dann mal weg.... Die Bushaltestelle ist etwa eine halbe Stunde entfernt. Wir wandern durchs flache Münsterland und sehen und riechen, dass die Landwirtschaft die Haupterwerbstätigkeit in diesem Landstrich ist. Aktuell stehen die Spargeln im Mittelpunkt. Am Dorfrand stossen wir auf eine lange Reihe von Wohncontainern. Die Autos davor ztragen Nummernschilder aus Polen, Bulgarien und Rumänien. Hier leben die Wanderarbeitert, die bei der Spargelernte helfen. 

In Münster steigen wir auf dem Domplatz aus. Ein halbes Dutzend Kirchtürme stechen rundherum ins Auge. Welches ist nun der Dom, und wo befindet sich die Altstadt? Ein Bronzerelief klärt auf: Im zweiten Weltkrieg ist Münster weitgehend zerstört worden. Was wir hier sehen, sind mehrheitlich wiederaufgebaute Gebäude im neueren Stil. Am Nachmittag verschieben wir uns in den Stadthafen für den zweiten Apéro, Nummer 1 genehmigten wir uns in einem Café im Zentrum. Und dann ist schon bald Zeit für das Abendessen. In einer schmalen Seitengasse finden wir die Pizzeria Mocca d'Or, ein echter Geheimtipp. Hier passt alles: Bedienung, Küche und Ambiente, und zum Abschluss noch ein ausgezeichneter Goretto Grappa. 

Münster ist die Mustervelostadt von Deutschland. Das spüren wir sofort. Auf den Strassen sind mehr Zweiräder als Autos unterwegs, viele davon ziemlich schnell. Als Fussgänger braucht vorne und hinten Augen, um nicht überfahren zu werden. Unter dem Hauptbahnhof befindet sich ein mehrgeschossiges Veloparkhazs mit integrierter Werkstatt. Unter der Woche öffnet diese am Morgen um 5.30 Uhr und schliesst um 23 Uhr, am Sonntag werden von 7 bis 20 UIhr Velos geflickt. Wirklich vorbildlich!

Die Heimfahrt mit dem Bus entwickelt sich zum Abenteuer. An der Haltestelle kündigt die Infotafel Bus Nr. 4 in wenigen Minuten an. Viele Busse kommen, doch der unsrige bleibt verschollen. "Steht im Stau" meldet die Leuchtanzeige. Unterdessen stehen wir alleine hier, und es kommen überhaupt keine Busse mehr. Die halten neu in der Strasse gegenüber an. Statt in die 4 steigen wir in die 11 und erreichen immerhin den Hauptbahnhof. Dort klärt sich die Ursache für das Chaos: Eine Antifa-Demo im Vorfeld des 9.Mai, dem Gedenktag an den russischen Sieg im 2. Weltkrieg, blockiert die Strasse. Spät und mit 12'000 Schritten auf dem Tageskonto kommen wir dann doch noch aufs Schiff. 

Dienstag, Zeit zum Ablegen, wir treffen uns heute mit FLORIAN in Brahmsche. Eine 60-Km-Etappe steht im Roadbook. Unterwegs passiert nicht viel Aufregendes. Einzig an der Kreuzung von Dortmund-Ems-Kanal und Mittelland-Kanal gibt es Abwechslung. Zum einen sehen wir hier den ersten grösseren Hügel seit Tagen, ein Ausläufer des Mittelgebirges. Und an der Kanalkreuzung gibt es eine Tankstelle für Frachter (und Sportschiffe, wenn man mindestens 100 Liter tankt). Am Tanken ist die NIZINA, eine Linssen unter Schweizer Flagge. Welch Zufall, seit langem sind wir keinem Schweizer Boot begegnet, und heute sind es gleich zwei, nein drei. Nebst FLORIAN und NIZINA ist auch noch die THURGAU SAXONIA an uns vorbeigefahren. Das Flusskreuzfahrtschiff parkt im Stadthafen Münster.

Das Treffen mit FLORIAN wird zur Punktlandung. Wir sind vor fast vier Wochen in Rheinfelden abefahren, und nun legen wir fast gleichzeitig in Bramsche an. Es gibt viel zu erzählen, einzig der Regen trübt die Stimmung. Wir finden die Sonne nach einer halben Stunde Regenwanderung in der Taverne Akropolis im Zentrum von Bramsche. Zum Aufwärmen steht eine volle Flasche Uzo auf dem Tisch, die müsse heute leer werden, lacht der Wirt.   

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Gefahrene Distanz: 62 km, (Motor: 2929 h).

Mittwoch 10. Mai 2023, Bramsche-Bad Essen: Die FLORIAN-Crew hat ein straffes Reiseprogramm. Via Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich geht es bis zum Herbst nach Rheinfelden zurück. Um 9 Uhr legt FLORIAN ab, wir winken, bis das Schiff am Horizont verschwindet, respektive nach der nächsten Biegung des Mitteland-Kanals. Wir bleiben noch ein bisschen, denn Bramsche hat etwas ganz Spezielles zu bieten: das Tuchmacher-Museum. Das interssiert vor allem die Weberin in der NAJADE-Crew, aber auch der dazugehörende Weberknecht und der übrige Rest der Besatzung zeigen sich nicht abgeneigt, eine Zeitreise in die Vergangenheit der lokalen Textilindustrie anzutreten. Der Musuems-Besuch lohnt sich echt. Fast alle Webstühle und Maschinen sind bis heute betriebsbereit. Produziert werden wunderschöne Wolldecken.

Auf dem Rückmarsch zum Anleger decken wir uns mit frischen Spargeln und Erdbeeren vom Bauernhof ein. Somit ist auch das Abendessen gesichert. Vorher fahren wir aber noch ein paar Kanalkilometer bis Bad Essen. Das Städtchen hat vor einigen Jahren eine neue Marina eröffnet. Klein, aber fein, wir wundern uns, dass viele Liegeplätze leer sind. Das Rätsel klärt sich nach dem Einnachten. Das nicht abgeschlossene Hafenareal lockt offenbar Lausbuben an. Ein Sicherheitsdienst patroulliert deshalb um das Hafenbecken. Wir erleben keine negativen Vorkommnisse und freuen uns über das feine Abendessen.  

Gefahrene Distanz 28 km, (Motor: 2932 h). 

Donnerstag 11. Mai 2023, Bad Essen-Lübbecke: Der Wetterbericht am Radio zeigt sich optimistisch, morgen soll es endlich schön werden. Heute bleiben wir beim Wettermenü der Vortage, Regen wechselt sich mit Regen ab.

Die Marina Bad Essen ist optimal für den Grosseinkauf. Die Läden sind fünf Minuten entfernt. Wir füllen vor allem das Getränkelager auf. Die heutige Etappe ist kurz. Wir verschieben uns nach Lübbecke. Dort haben wir beim Motor-Yacht-Club Lübbecke einen Liegeplatz für vier Wochen gebucht. NAJADE wird rückwärts zwischen zwei Pfählen einparkiert und sehr gut vertäut. Die vorbeifahrenden Binnenschiffe erzeugen im Hafenbecken einen kräftigen Sog.

Der kleine Hafen gefällt uns. Der Hafenmeister ist sympathisch, und das Vereinsrestaurant Mäng ebenso. Eine frühzeitige Reservation für das Abendessen empfiehlt sich. Damit der Appetit genug gross wird, radeln wir ins grosse Torfmoor Moorhus. Dieses befindet sich in etwa drei Kilometer Entfernung in Richtung Minden direkt am Kanal. Wir haben uns die beiden Velos des Yachtclubs ausgeliehen und in weiser Voraussicht den Akku-Luftkompressor samt Powerbank in den Rucksack gepackt. Pro Kilometer Fahrt benötigt eines der Räder eine Luftladung. Pausen sind somit garantiert. Dies freut die Stechmücken, die am Rande des beeindruckenden Moors auf plattfüssige Velofahrer lauern.  

Die Rückfahrt in die Schweiz per Bahn ist für Samstag programmiert. Wir hoffen auf eine ungetrübte Zugsreise, denn für Sonntagabend hat die Gewerkschaft einen landesweiten 50-Stunden-Streik angedroht. Doch diesmal entäuscht die DB nicht, wir kommen fast pünktlich daheim an.   

Gefahrene Distanz: 20 km, (Motor: 2935 h).

Samstag 10. Juni 2023, Lübbecke-Minden: Für die Rückkehr nach Lübbecke lassen wir die Deutsche Bahn links liegen und steigen ins Auto. Den Entscheid fällen wir nicht primär wegen den bisherigen Erfahrungen im innerdeutschen Schienenverkehr, sondern aufgrund von neuen logistischen Anforderungen. Wir wollen Anfang Juli NAJADE irgendwo im Umfeld der Müritz parkieren. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wird die Rückreise in die Schweiz schwierig. Mit dem Auto sollte es einfacher gehen. Wir werden das Auto irgendwo in Berlin einstellen. Zuvor ist aber noch eine Verschiebungsaktion nötig, für die wie einen Tag einplanen. 

Das Fazit der langen Autofahrt nach Lübbecke: Die Strasse ist nicht pünktlicher als die Schiene, aber bequemer. Das Umsteigen entfällt, man kann beliebig Pausen einschalten und die Mitnahme eines grösseren Gepäckvolumens ist unproblematisch. Wir laden in Wettingen ein Gummiboot plus einen Karton Roséwein mit ein. Die Reisedauer erreicht wegen diversen Staus gut neun Stunden.

Zurück in Lübbecke geniessen wir nochmals ein Diner im Clubrestaurant Mäng. Nun ist Sommer, wir sitzen draussen, die Sonne geht unter und die Dämmerung macht der Nacht Platz. Wunderschön!

Am Samstag bringen wir NAJADE auf Vordermann. Viel gibt es nicht zu tun. Die alte Dame hat die letzten vier Wochen gut überstanden. Einzig der Garmin-Plottter benötigt etwas mehr Zuwendung. Die beiden SD-Speicherkarten mit den neuesten Karten und Updates sind zuhause liegen geblieben. Zwei leere Karten finden sich im alten Handy und im Tablet. Via App ActiveCaptain lassen sich die fehlenden Daten online aufspielen. Doch die ganze Synchronisation dauert etwa drei Stunden und umfasst über 3 Gigabite Daten. Nachtrag: Die vermeintlich zu Hause vergessenen Speicherkarten finden sich dann doch noch an Bord....von wegen vergesslich!!!!).

Die Maschine schnurrt sofort los. Wir starten Richtung Minden. Ein kurzer Hupf auf dem Mittellandkanal, und schon geht es durch die schmale Einfahrt ins Hafenbecken des Mindener Yacht-Clubs. Den Liegeplatz haben wir zuvor telefonisch reserviert. Zum Glück, denn am Nachmittag füllt sich der Hafen nach und nach.  

Gefahrene Distanz: 17 km (Motor: 2937 h).

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Sonntag 11. Juni 2023, Minden-Hannover: Für heute ist einen längere Tagesetappe geplant. Wir wollen Hannover erreichen. Dort befindet sich eine der seltenen Bootstankstellen mit synthetischem GTL-Diesel. Dieser Treibstoff ist zwar teuer, aber der alte Volvo-Penta-Sechszylinder kommt damit besser zurecht, kein Abgasrauch, kein Gestank.

Der Mittellandkanal zieht sich in die Länge. Wir tuckern stundenlang mit knapp 10 km/h durch die flache Landschaft. Das ist doch langweilig, werden jetzt einige denken. Vonwegen! Blauer Himmel, Sonnenschein, allein das Wetter lädt zum Geniessen ein. Das Reisen im Zeitlupentempo ist ein Erlebnis. Man sieht so vieles. Es riecht nach Natur und frischem Heu, weil der Bauer am Kanal mit dem Kreiselwender seine riesige Wiese bewirtschaftet. Der Kanal zieht sich zwischendurch geradeaus bis zum Horizont. Entgegenkommende Frachtschiffe tauchen als dunkle Punkte auf und rauschen eine halbe Stunde später vorbei. Die Millionenstadt Hannover meldet sich mit ersten Industrieanlagen an, und dann sind wir mitten drin, beim Yachthafen

Den Liegeplatz haben wir telefonisch reserviert. Der Hafenmeister gab uns den Hinweis, eine halbe Stunde vor der Ankunft auf der Höhe des VW-Nutzfahrzeug-Werks nochmals anzurufen. Das haben wir so gemacht, und nun steht Hafenmeister Lothar Brüssing schon an der Tanksäule bereit und winkt uns heran. Wir tanken 390,7 Liter GTL-Diesel zu 2.17 €, zuvor wandert 1 Liter LiquiMoly/Grotamar-Additiv in die Tanks, als Gegenmittel zur Dieselpest. Dann leitet uns Hafenmeister Brüssing an unseren Liegeplatz am Kopfsteg. Top Service! 

Die Abendunterhaltung übernehmen wagemutige Brückenspringer, die über den Rundbogen balancieren und aus etwa 15 Metern Höhe in den Kanal hüpfen. Via Whatsapp erfahren wir, das NAJADE auf der Webcam der Marina zu sehen ist. Wir winken. 

Gefahrene Distanz: 67 km (Motor: 2945 h)

Montag 12. Juni 2023, Hannover-Minden-Berlin-Hannover: Die Tagesaufgabe findet nicht auf dem Wasser statt, sondern auf der Strasse. Wir verschieben unseren Wagen an den neuen Berliner Flughafen, wo wir ihn bis zur Rückfahrt in die Schweiz am 1. Juli parkieren. Der Yachthafen Hannover ist perfekt an den öffentlichen Verkehr angeschlossen. Die Bushaltestelle ist nur fünf Minuten entfernt. Im Hauptbahnhof Hannover setzen wir uns in den Zug nach Minden. Dort wird wieder in den Bus umgestiegen. Den letzten Kilometer zum Auto spazieren wir dem Kanal entlang.

Der vorreservierte Lowbudget-Langzeitparkplatz beim neuen Berliner Flughafen befindet sich im Parkareal P107 (online buchbar). Der Tarif für etwas mehr als drei Wochen Parkdauer beträgt 86 €. Nachteil: Zu Fuss sind es etwa 20 Minuten bis zum DB-Bahnhof im Terminal 2. Der Fahrer eines Crew-Busses hat Mitleid mit uns und lässt uns einsteigen. Ab Flughafen geht die Reise im Vorortszug und dann im ICE weiter. Die zehnstündige Rundtour endet nach etwa 750 km im Restaurant Heimathafen in der Marina 

Dienstag 13. Juni 2023, Hannover-Thune (Braunschweig, Mittellandkanal km 222.7): Die Schleuse Anderten versteckt sich hinter den Rundbogen einer eindrücklichen Steinbrücke. Der Hub geht knapp 15 Meter aufwärts. Links vor der Schleuse befindet sich der Sportbootanleger, den wir ansteuern. Doch die Zeit reicht nur um das Tau kurz um den Poller zu legen, und schon werden wir gebeten, uns hinter einem Tanker in die Kammer zu bewegen.

Routinetag auf dem Mittellandkanal, wir spulen die Kilometer in Richtung Berlin ab. Es passiert nichts Aufregendes, langweilig wird es trotzdem nicht. Beim Ort Thune lädt ein kleiner Quai in einer Einbuchtung am linken Kanalufer zum Bleiben ein. Wie an den Liegestellen sind die Poller gelb markiert. Wir machen fest und rekognoszieren per Velo die in den Karten markierte Sportbootliegestelle einen Kilometer weiter. Dort ist alles voll. Wir bleiben wo wir sind, zwar fahren die Berufsschiffe relativ nahe vorbei, doch unsicher scheint uns deswegen der Liegeplatz nicht zu sein. 

Anwohner spazieren vorbei und bestaunen das Schiff aus der Schweiz. Ein kleiner Bub ist derart gwundrig, dass wir ihn mit seiner Mutter zu einer Besichtigung an Bord einladen. Der Abend klingt mit Rotwein und Sonnenuntergang aus. 

Gefahrene Distanz: 59 km inkl. 1 Schleuse, (Motor: 2952 h).

Mittwoch 14. Juni 2023, Thune-Wolfsburg: Die Tagwache kommt überraschend. Kurz nach 7 Uhr macht uns ein Beamter auf einem vorbeifahrenden Schiff der Wasserstrassen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) laut rufend auf ein Anlegeverbot an diesem Ort aufmerksam. Eine Viertelstunde später steht der WSV-Bereichsleiter persönlich am Ufer. Hier in Thune sei Stilliegen nur an den entsprechend signalisierten Orten erlaubt, was hier nicht der Fall sei, und somit müssten wir die Leinen lösen und ablegen. Der Beamte ist freundlich, und erklärt die gesetzlichen Grundlagen einleuchtend: "Das ist wie auf der Autobahn, dort ist das Übernachten auf dem Pannenstreifen auch nicht erlaubt." Klar, leuchtet ein. Falls wir wieder einmal in der Gegend seien, so dürften wir jederzeit anrufen und nach einer freien Liegestelle fragen, meint der Beamte zum Abschied und streckt uns seine Visitenkarte entegegen. Wirklich nett! Der Übernachtungsort war in der Tat nicht optimal. Die Frachtschiffe passierten uns sehr nahe, mit entsprechendem Wellengang. In der vergangene Nacht hatten wir Seegang wie auf dem offenen Meer.

Also, Maschine an und ohne Kaffee und Morgenessen los. So früh am Morgen ist es empfindlich kalt. Wir fahren bis zur Einmündung des Elbe-Seitenkanals. Dort hat es eine Liegestelle für Sportboote und wärmenden Sonnenscheinn. Der Zahl der vorbeifahrenden Sportboote hat sich markant erhöht. Die meisten kommen aus Richtung Berlin und biegen in den Elbe-Seitenkanal ab, Ziel Hamburg.

Gleich um die Ecke steht die Passage der Schleuse Sülfeld auf dem Tagesplan. Auch hier: Alles kein Problem. Wir erhalten präzise Informationen und können uns gleich als Nummer 3 hinter zwei Frachtern einordnen. Wie wir in Hannover gelernt haben, befinden wir uns auf der Bergfahrt, die Schleuse Sülfeld führt aber 9 Meter nach unten. Dieser Widerspruch scheint hier an der Tagesordnung zu sein, wie wir im Funkverkehr mithören. Der Schleusenmeister nimmt's gelassen und lässt ab und zu einen Spruch über die unwissenden Binnenschiffer fallen.

Wolfsburg ist Volkswagen, die vier Kamine des VW-Werks tauchen am Horizont auf. Wir fahren ein paar Kilometer dem Firmengelände entlang. Unmittelbar nach der VW-Arena, dem Wolfsburger Stadion, biegen wir in die Marina des 1. Motorbootclubs Wolfburg ein. Die Einfahrt ist ordentlich eng, und der Hafen auch. Ohne Karambolage und mit Seitenwind bugsieren wir NAJADE in eine frei Box am Ende des Hafenbeckens. Von hier sind es n ur ein paar Schritte in die Taverne "Santorini". Dort nicht einzukehren, wäre für uns Santorini-Bekenner eine Todsünde.

Doch zuvor stehen noch zwei Aufgaben auf dem Tagesplan: Die Beschaffung einer vollen Gasflasche für den Gaskocher und der Besuch der VW-Autostadt. Nasch intensiven Recherchen und mehreren Telefonanrufen haben wir den Globus-Baumarkt als möglichen Gaslieferanten eruiert. Das Geschäft liegt 6 Kilometer entfernt. Wir erinnern uns. Wolfsburg ist eine Autostadt, doch es gibt hier auch Velowege. Nur ist deren Signalisation für Ortsunkundige nicht immer verständlich. Mehrere Zusatzschlaufen über VW-Parkplätze und VW-Forschungszentren (unter anderem zum autonomen Fahren) sind nötig, um den Baumarkt zu erreichen. Dort erhalten wir fachkundige Unterstützung in Sachen Gasflaschen. Wir entscheiden uns für eine 5-Kilo-Flasche, die bis ins Jahr 2034 benützt werden kann. "Dann müsst ihr sie zurückbringen", erklärt der Verkäufer, "und zwar auf dem direkten Weg. Umwege dürfen nicht gemacht werden. So wollen es die Sicherheitsvorschriften". Tja, wir werden sehen.

Für den Besuch der Autostadt haben wir uns für 5 € Zweistundentickets für den Nachmittag gesichert. Von der Marina aus ist man in einer Viertelstunde zu Fuss beim Haupteingang. 50 Prozent der Crew fahren mit den Velos vor, was beim VW-Sicherheitsdienst nicht gut ankommt. "Hier wird geschoben", heisst es streng, "Absteigen bitte! Zurück zum Parkplatz!". Schiebung? Wir erinnern uns an den Abgasskandal, schweigen aber, um den strengen VW-Hüter nicht zusätzlich zu provozieren. Das kommt gut an, der Mann schmunzelt nun und weist uns einen Abstellpaltz direkt beim Eingang zu. Der Besuch der Autostadt lohnt sich. Zwar stehen Autos in allen Schattierungen im Fokus, aber der Park, die Architektur der Gebäude und die aufwändigen Präsentationen sind beeindruckend. Zum Rundgang gehört der Dufttunnel, eine wunderschöne, begehbare Trommel, voller blühender Blumen.

Hafeninfos: Gästeplätze im linken Teil des Hafenbeckens vor der Taverne Santorini, enge Einfahrt, enge Platzverhältnisse zum Manöverieren.  

Gefahrene Distanz: 42 km inkl. 1 Schleuse, (Motor: 2955 h).

Donnerstag 15. Juni 2023, Wolfsburg-Calvörde: In den News erfahren wir, das gestern das VW-Werk Wolfsburg von Klimaaktivisten blockiert worden war. Die Demonstranten sperrten die Zufahrt für die Lastwagen. Um 16.30 Uhr wurde die Blockade durch die Polizei aufgelöst. Kurz später haben wir die Autostadt besucht und nichts von der Aktion mitbekommen. Das  zeigt, wie riesig das Werksareal ist.

Die vorletzte Etappe auf dem Mittellandkanal steht an. Heute überqueren wir die Grenze zur ehemaligen DDR. Die Liegestelle Rühen bei km 255 ist das auffälligste Zeichen der damaligen Abschottung. Ein ellenlanger Anlegequai ist von der Kontrollstelle übriggeblieben. Ganz am Ende, bei km 255.8, befindet sich der Anleger für die Sportboote. Direkt vor der Taverne "Jorgos am Kanal" mit griechisch-italienischen Spezialitäten. Bei km 258.7 querte die damalige Landesgrenze den Kanal. Zu sehen davon ist nichst mehr. Aiuf den Satellietenbildern der Gegend ist der Grenzkorridor hingegen noch deutlich erkennbar. Er folgt der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.

Bei der Liegestelle Bergfriede (km 268.7) legen wir eine Pause ein und gehen an Land. Mitten im Naturreservat Drömling fühlt man sich ein wenig im Nirgendwo. Doch der Lärm eines vorbeidüsenden ICE-Express auf der nächsten Kanalbrücke zeigt, dass die Zivilisation nicht weit weg ist. Wir spazieren durch die Gegend zu einem verlassenen Bauernhof und rätseln über dessen Vergangenheit. Wie sah es hier zu DDR-Zeiten aus? Gleich oder anders? Seit wann sind die Gebäude verlassen? Die Antworten wären eine gute Basis für ein Krimi-Drehbuch. Vielleicht mit dem Titel "Die Leiche im Moorhaus" oder so.

Mitte Nachmittag landen wir in Calvörde, respektive im Flecken Calvörde an der Sportbootliegestelle bei km 284.2. Flecken ist die Bezeichnung für ein Zwischending zwischen Stadt und Dorf. Wir machen fest und gehen danach auf Erkundungstour. Der Ort ist durchaus sehenswert. Riegelhäuser bilden links und rechts der gepflästerten Hauptstrasse eine geschlossene Häuserzeile. Der Kirchplatz ist das Zentrum. Auf einem der Häuser hat sich ein Storchenpaar eingenistet, es gibt einen Bäcker, eine Schneiderei und einen Hutladen, plus eine Spielhalle. Mit dem Velo führt die Rundtour zum Silbersee und zur Waldschenke "Griebs". Doch, Calvörde ist eine Reise wert. 

Am Abend ziehen Gewitterwolken auf, ein paar Regentropfen fallen und der Tag verabschiedet sich mit einem Regenbogen. Wir geniessen ein Risotto an Bord, plus ein Dessert aus der Bäckerei Calvörde. Kein Schiff fährt vorbei. So ruhig sind wir seit langem nicht mehr in den Schlaf gedämmert. Mit dem Eindunkeln verstummen Kuckuck und Amsel, und dann ist es nur noch still.

Gefahrene Distanz: 38 km, (Motor: 2959 h).

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Freitag 16. Juni 2023, Calvörde-Haldensleben: Am Vorabend blitzte und donnerte es in der Ferne, am frühen Morgen erreicht uns die Regenfront. Heute wird es keinen Sonnentag geben. Der graue Himmel schenkt der ausgetrockneten Natur einen nassen Tag und wir kriechen nur langsam unter den warmen Decken hervor. Das Übernachten ohne Landstromversorgung hat uns die Hälfte der Batteriekapazität gekostet. Somit tritt der Notfallstromsparplan in Aktion, was mit einem Verzicht des Gebrauch der Nespresso-Kaffeemaschine gekoppelt ist. Faktisch steht uns nur noch eine einzige Batterie mit 170 Ah Kapazität zur Verfügung. Die zweite Batterie schwächelt und gibt keine Leistung mehr ab. Die Kaffeemaschine verlangt beim Aufheizen deutlich über 1000 Watt und zehrt rund 80 A aus der Batteriebank. Deren Spannung bricht sofort zusammen, der Inverter antwortet auf den Spannungsabfall mit einem Alarmsignal und unterbricht beim Unterschreiten der Mindestspannung von 11,2 V die Produktion von 230 V, was zum Nespresso-Blackout führt. Plan B: Der Kaffee kommt nun nicht mehr aus der Maschine, statt Espresso gibts Pulverkaffee. 

Aufgrund der trüben Wetterlage legen wir provisorisch den Hafen Burg im Elbe-Havel-Kanal als Tagesziel fest. Das Starten der Maschine entschärft unsere Strommangellage, doch die nächste Panne folgt zugleich. Die Toilette lässt sich nicht mehr abpumpen. Für den Alltag an Bord kommt dies einem Notfall der höchsten Priorität gleich. Nach kurzer Fahrt legen wir an der Liegestelle Bülstringen einen Reparaturhalt ein. Die Diagnose der sanitären Installationen führt zu einem klaren Resultat: Der Schlauch zwischen Toilette und Abwassertank, respektive Borddurchlass, muss verstopft sein. Da die Behebung der Blockade intensivere Demontagearbeiten nach sich zieht, fällt der Entscheid, den Sportboothafen in Haldesleben anzusteuern. Dort gibt es zudem Landstrom, was den Espressonotstand beendet.

Der Übeltäter im Abwasserkreislauf ist bald eruiert. Beim Einbau des Abwassertanks im Frühling blieb ein Schlauchstück zwischen Zerhackerpumpe und Dreiwegeventil im Originalszustand. Das Teil hat vermutlich 38 Dienstjahre auf dem Buckel, Ablagerungen und Kalkstein haben den Innendurchmesser auf ein paar Millimeter schrumpfen lassen. Ein Herzspezialist würde einen klassischen Infarkt diagnostizieren und einen Bypass setzen oder Stents einführen. Wir wählen den Weg des Komplettersatzes der verstopften Schwarzwasser-Arterie und bauen einen neuen Abwasserschlauch ein. Die Operation schliesst erfolgreich ab. Die Toilette funktioniert wieder anstandslos. 

Nun ist aber Feierabend. Das gilt auch für die Regenwolken. Dies Sonne bricht durch, wir spazieren ins Städtchen Haldesleben (ca. 25 Minuten Fussmarsch) und bewundern die wichtigste Sehenswürdigkeit des Ortes, den reitenden Roland. Normalerweise gibt es nur stehende oder sitzende Rolands, in Haldesleben steht das einzige Exemplar hoch zu Pferd. Wer ist Roland? Die Antwort führt zurück ins Mittelalter. Der Roland ist die Symbolfigur für das freie Bürgertum und die Eigenständigkeit eines Ortes. Die Leute in Haldensleben sind stolz auf ihren reitenden Roland, auch wenn gemunkelt wird, dass die Statue gar nicht hierher gehört, sondern im nahen Magdeburg gestohlen wurde. Wer das alles weiss? Das ist der Hafenmeister im Sportboothafen, ein sehr hilfsbereiter und freundlicher Gastgeber. 

Hafeninfo: Gästeplätze sind grün markiert und liegen auf der linken Seite des Hafenbeckes. 

Gefahrene Distanz: 17 km, (Motor: 2962 h). 

Samstag 17. Juni 2023, Haldensleben-Niegripper See: Ankern in der freien Natur auf dem See, das stellen wir uns für heute Abend vor. Doch bis es soweit ist, müssen wir noch ein wenig leiden. Die gestern reparierte Toilette quittiert nach einigen Spülvorgängen den Dienst komplett und macht keinen Wank mehr. Das Durchmessen der elektrischen Zuleitungen zeigt keinen Fehler, also muss der Unterbruch direkt an der Pumpe liegen. Zugang zur Elektrik bekommt man nur nach der kompletten Demontage von Schüssel und Abdeckung. Soweit waren wir gestern schon. Als Ursache der Panne eruieren wir ein Schaltrelais mit durchgebrannten Kontakten. Dieses klickt zwar noch, schliesst aber den Stromkreis nicht. Dumm, dass heute Samstag ist, alle Autowerkstätten in der Nähe melden geschlossene Türen. Der Hafenmeister weiss Rat. Er winkt einem der Dauerlieger im Hafen. Der ist offenbar Elektrikspezialist mit einem grossen Ersatzteilsortiment an Bord. Wir erhalten ein Ersatzreiais zum Testen, und nach dem erfolgreichen Einbau gleich ein zweites Relais als Reserve dazu.

Die Toilette funktioniert wieder tiptop, wir legen ab und biegen auf die letzten Kilometer des Mittelandkanals ein. Vor dem Wechsel in den Elbe-Havel-Kanal muss die Schleuse Hohenwarte durchquert werden, Stressfaktor Nr. 2 des heutigen Tages. Auf Funkanrufe reagiert die Schleuse nicht, doch das Einfahrtsignal wechselt auf Grün. Als erstes fährt der Frachter WIMA ein, und dann ein Pulk mit NAJADE, einem weiteren Sportboot, einem riesigen Bungalow-Boot im Rohbau und einem "Führerscheinfreien". Damit sind die Mietboote mit 15-PS-Motor gemeint, die in Deutschland ohne Prüfung gefahren werden dürfen. Der führerscheinfreie Kapitän schafft es nicht sein Motorboot an einem Poller festzumachen. Er prallt zuerst links in die Mauer, gibt Vollgas und Gegensteuer und knallt rechts zum zweitenmal in die Wand. Dieses Manöver motiviert den WIMA-Kapitän in die Rolle des Schleusenmeisters zu wechseln. Er steigt vom Schiff und gibt brüllend Anweisungen, was bei der Crew im Mietboot für noch mehr Stress sorgt. Wir beobachten das Schauspiel von ganz hinten und wollen an einem freien Poller festmachen. Dies passt dem WIMA-Kommandanten überhaupt nicht. Er befiehlt uns, seitlich am Bungalowboot anzulegen. Nun sind alle versorgt und das Schleusen beginnt.

Die zehnminütige Fahrt nutzen wir zum Kennenlernen des Plattformboots, mit dem wir vertäut sind. Stolz zeigt der Besitzer ein Foto, das eine schwimmende Villa zeigt. Im Rohbau sieht das Projekt noch nicht so wohnlich aus, aber die Ausmasse beeindrucken. Im 24 Tonnen schweren Stahlbau schnurrt ein 200-PS-Diesel. Neben dem Motorraum befinden sich unter Wasser noch zwei Schlafräume. Das Wohnschiff sollte eigentlich in Lübeck auf einer Werft fertig gestellt werden. Weil es mit dem Einhalten der Bautermine über Jahre nicht klappte, wird die Baustelle nun nach Berlin gezügelt.

326 km Mittellandkanal liegen hinter uns, wir fahren auf dem Elbe-Havel-Kanal weiter, welcher der Einfachheit halber die Kilometrierung des MLK fortsetzt. Die Einfahrt in den Niegripper-See ist für NAJADE eine Premiere. Wir waren bisher nur auf Flüssen und Kanälen unterwegs. Nun fällt erstmals der Anker auf einem richtigen See. Vom Campingplatz am Ufer schwappen Musikfetzen übers Wasser, der Kuckuck ruft und die Sonne geht dramatisch zwischen Gewitterwolken unter.  

Gefahrene Distanz: 30 km, (Motor: 2967 h).

Sonntag, 18. Juni 2023, Niegripper See-Wendsee (Plaue): Sonntag auf der Elbe-Havel-Wasserstrasse, entgegen den Prognosen ist nicht viel los. Bei der Ausfahrt aus dem Niegripper See hängen wir uns ans Heck des Frachters TAURUS. Er begleitet uns bis zum Wendsee und sorgt für freie Fahrt in den Schleusen Zerben und Wusterwitz. Mit im Paket ist auch noch die ANNA SOPHIA, eine 50-Linssen jüngeren Jahrgangs. 

Unmittelbar nach dem Schleusenkanal Wusterwitz biegen wir links ab und ankern auf drei Meter Wassertiefe. Das braune Wasser im Wendsee lädt optisch nicht gerade zum Bade ein, die Wassertemperatur hingegen schon. Die Messung ergibt gut 25 Grad oder drei Grad mehr als am Tag zuvor im Niegripper See. Wenn das so weitergeht.... 

Gefahrene Distanz: 50 km, inkl. 2 Schleusen, (Motor: 2972 h).

Montag 19. Juni 2023, Wendsee-Brandenburg an der Havel: Nach einer ausserordentlich ruhigen Nacht am Anker begrüsst uns der Morgen mit grauem Himmel, und es beginnt sogar leicht zu regnen. Nach dem Frühstück ist die Kraftreseve unserer Batterie am Ende, der Inverter fällt unter die Mindestspannung. Maschine an, Anker auf! 

Im Vergleich zu den Kanälen, wo es nur in eine Richtung geht, verlangt nun auf den Seen und Wasserwegen die Navigation mehr Aufmerksamkeit. Der Plotter führt uns zielgenau in die Brandenburger Niederhavel. Die Havelfähre Neuendorf stellt uns vor die erste Herausforderung. Einfahrende Schiffe sollten ein Hornsignal abgeben. Die vor einem Jahr neu beschaffte Trötte von NAJADE gibt aber keinen Laut von sich. Den Fährmann kümmert das wenig. Er kreuzt kurz vor uns durch. Fortbewegt wird die Fähre an einem fixen Drahtseil im Kanal. Dieses senkt sich erst auf den Grund wenn die Fähre stillliegt.   

Eingangs Brandenburg gibt es eine Rewe-Filliale mit eigenem Anleger. Zum Einkaufen ideal, wir bunkern sehr viel Flaschenwasser für die nächsten Tage und die dazu passenden Weine und Lebensmittel. Telefonisch erkundigen wir uns beim Wasserwanderrastplatz am Slawendorf, ob ein Liegeplatz frei ist. Der Steg liegt hinter der nächsten Brücke, zehn Minuter später fahren wir vor. Der lange Steg ist leer, ganz am Anfang steht ein Schild: "Reserviert für NAJADE, 12 Meter". So ein Service! Das Slawendorf ist eine Art Ballenberg mit Holzhäusern aus dem Mittelalter. Leider hat das Museum die Corona-Delle nicht überlebt und ist geschlossen.

Die Stadt Brandenburg hat einen speziellen Charme. Viel Kopfsteinpflaster, Kirchen aus roten Ziegelsteinen und schmale Strassen mit beidseitigen, abwechslungsreichen Häuserzeilen gefallen uns. Wir besichtigen den Dom und machen danach eine Rast mit der "weltbesten Bockwurst" bei der Imbissbude am Domhafen.

Hafeninfo: WC und Dusche kosten pro Person 2 € extra (Zugang mit einem Schlüssel), Strom 1 € pro 2 kWh. 

Gefahrene Distanz: 14 km, (Motor: 2975 h). 

Dienstag 20. Juni 2023, Brandenburg-Havel, Altarm Mittelbruch: Beim Frühstück besprechen wir jeweils den Tag und legen den Übernachtungsort fest. Wir werden irgendwo in einem Altarm der Havel ankern. Doch das Wetter beeinflusst den Fahrplan. Starker Regen setzt ein, und wir warten, bis es gegen Mittag aufklart. Nach dem Stadtrundgang zu Fuss gestern lernen wir heute Brandenburg von der Wasserseite her kennen, eine schöne Kulisse. Die Schleuse Brandenburg führt aufwärts. Die Havel schlängelt sich durch Wald und Wiesen. Wir biegen rechts in den Altarm Mittelbruch ab. Der Ankerplatz gehört uns allein. Die Ruhe trügt. Beim Einnachten nimmt ein Geräusch Überhand: das angriffslustige Summen der bluttrünstigen Stechmücken. 

Gefahrene Distanz: 12 km, inkl. 1 Schleuse, (Motor: 2977 h). 

Mittwoch 21. Juni 2023, Havel/Mittelbruch-Werder: In der zweiten Nachthälfte hat es geregnet, begleitet von Blitz und Donner. Nun scheint wieder die Sonne und es bahnt sich ein schwülheisser Tag an. Unsere Planung sieht einen Zwischenstopp in Werder vor, für den Abend wollen wir im Schielowsee ankern. 

Telefonisch erkundigen wir uns nach einem Kurzzeitliegeplatz in Werder. In Inselnähe sind die Liegeplätze voll oder NAJADE ist zu breit und passt nicht zwischen die Dalben. In der Marina Havelauen - nach eigenen Angaben ein 5-Sterne-Hafen - erhalten wir einen Platz am Kopfsteg zugewiesen. Der Hafenmeister empfängt uns freundlich und hilft beim Vertäuen. 

Mit dem Bus fahren wir bis zur Post Werder. Von dort lässt sich die Altstadt auf der Insel bequem erkunden. Das alte Städtchen wartet mit Kopfsteinpflaster-Strassen und einem wunderschönen Ortsbild auf. Wir unterbrechen die Besichtigungstour im Fischrestaurant Arielle. Die Terasse am Havelufer bescheert uns eine Begegnung der dritten Art. Etwas ähnliches hatten wir schon im Juli 2018 erlebt, auch beim Bootfahren. 

Damals waren wir in den Sommerferien in der Schweiz unterwegs und wanderten zur Trift-Hängebrücke im Berner Oberland. Bei der Rast in der SAC-Windegghütte sassen wir neben zwei Frauen, eine von ihnen fiel durch ihre langen, schwarzen Haare auf, die sie zu Zöpfen geflochten hatte. Ein paar Tage später führten wir mit unseren Sportbooten eine Dreitagestour auf Aare, Bielersee und Neuenburgersee durch (Bericht). Beim Mittagshalt in Altreu suchten wir uns einen freien Tisch unter den Bäumen aus, und wer sass am Nebentisch? Ja, die Frau mit den Zöpfen. Wir kamen ins Gespräch und wunderten uns über die Zufälligkeiten des Lebens. 

Im Fischrestaurant Aurelia ziehen wir zuerst einen freien Tisch auf der oberen Terasse in Betracht, um uns dann doch nach unten unter die Sonnenschirme zu verschieben. Wir nehmen Platz, und erkennen die drei Gäste am Nebentisch. Bereits in Brandenburg zwei Tage zuvor waren wir im Restaurant Werft an Nachbartischen gesessen! So ein Zufall!

Mitte Nachmittag fahren wir mit dem Bus zurück in die Marina. Mit Umwegen, wir steigen unwissenderweise in einen Schnellbus, der ohne Stopp an der Marina vorbeifährt. Im zweiten Anlauf wählen wir besser und kommen gut im Hafen an. Die zweite Überraschung vom Tag legt uns der Hafenmeister vor. Das Kurzzeitliegen kostet genaugleich viel wie die Übernachtung. Für drei Stunden Festmachen verrechnet uns das 5-Sterne-Haus über 50 €. Wir verzichten auf die Weiterfahrt und bleiben für die bereits bezahlte Nacht am Steg. Die dritte Überraschnung folgt beim Duschen, das kostet nochmals 1 € extra für 3 Minuten. Und Wasser könnten wir für 5 € pro 100 Liter bunkern. Auf diese Überraschung verzichten wir.

Hafeninfo: Zugang zu Dusche/WC/Steg mit Schlüssel (20 € Depot), bei der Hafeneinfahrt Kontakt mit dem Hafenmeister aufnehmen (Telefonnummer steht auf der weissen Boje in der Einfahrt). 

Gefahrene Distanz: 25 km, (Motor: 2980 h).

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Donnerstag 22. Juni 2023, Werder-Potsdam: Eigentlich planten wir eine Nacht am Anker im Schwielowsee. Dort würde das Wasser zum Bade laden, doch der Himmel macht nicht, graue Wolken statt wärmende Sonne. Somit wird Potsdam zum Tagesziel.

Unser Liegeort beim Motorbootclub Havelburg auf der Unteren Planitz ist ideal. Obwohl wir uns mitten in der Stadt befinden, fühlen wir uns eher wie in einem Park. Einzig die nahe Eisenbahnlinie stört die Idylle und verursacht Hintergrundgeräusche, die aber auch in der Nacht nicht weiter stören.

In zehn Minuten erreichen wir von hier das Brandenburgertor Potsdam. Dieses heisst gleich wie das Brandeburgertor in Berlin und sieht auch fast gleich aus. Doch das in Potsdam wurde 18 Jahre früher gebaut, als sein Pendant in Berlin. Mit dem Tor im römischen Stil unterstrich König Friedrich II. seinen Siegeswillen im Siebenjährigen Krieg. Was der König wollte, wurde gebaut, und das Spazieren in der zwischen den eindrücklichen Häuserzeilen ist ein Erlebnis. Wir machen eine Rundtour durch das Holländer Viertel, das den holländischen Baugastarbeitern Heimatgefühle vermitteln sollte und wunderschön hergerichtet ist. An allen Ecken stossen wir aus Prunkbauten aus der Königszeit: Die Kutschenstallung – heute ein Restaurant- und Wohnquartier -, die Garnisonskirche, von der nur noch die Fassade und ein Teil des Turms stehen oder die Kuppe des ehemaligen Militärwaisenhauses mit der vergoldeten Figur der Caritas auf der Spitze.

Den Schlusspunkt unter den Tag setzt das Gewitter am Abend. Freunde aus der Schweiz hatten uns eine Warnmeldung der ZDF-Abendschau übermittelt. Kurz später geht es tatsächlich es los. Böen, Starkregen und Blitzgeflacker rundum, die wuchtige Vorstellung der Wetterküche übersteht NAJADE trocken. Die Crew verzieht sich in die Kojen und schläft unter dem nun einsetzenden Dauerregen entspannt ein.

Hafeninfo: Hilfsbereiter Hafenmeister, Holzstege, Gastliegeplätze am ufernahen Steg links, Duschen 2 €, Wasser 1 €/100 lit

Gefahrene Distanz: 16 km, (Motor: 2982 h).

Freitag/Samstag 23./24. Juni 2023: Der Freitag ist wettermässig schnell abgehackt. Es regnet den ganzen Tag. Zeit zum Basteln an Bord: Unser Internetzugang bedarf einer Sanierung. Der WLAN-Router verbindet sich über eine Swisscom-Karte ins Mobilfunknetz, nach dem Verbrauch der «Flatrate» von 40 GB sinkt die Datenrate sozusagen auf Null, für zusätzliche Datenpakete kassiert die Swisscom ein Vermögen. Als Alternative wählen wir eine deutlich günstigere Prepaid-Karte von Lidl. Das einzige Problem bei der Freischaltung bildet die persönliche Identifikation, die mittels Videoanruf erfolgt. Für die Registrierung ist jedoch eine deutsche Adresse oder Anschrift nötig. Im zweiten Anlauf gelingt die Gesichts- und Ausweisprüfung, als Kontaktadresse in Deutschland geben wir die Daten unseres Grenzpaket-Accounts in Hohentengen an. So einfach geht's. 

Am Samstag verbringen wir sechs Stunden auf der Autobahn und drei Stunden beim Schiffe-Reparieren. Der Notruf erreicht uns aus Hannover von der DENIA, einem Schiff aus Rheinfelden. Das Wellenlager rinnt, die Packung der Stopfbüchse muss gewechselt werden. Vor Ort liess sich kein Mechaniker und keine Werft finden, die den Tausch am im Wasser liegenden Schiff übernehmen wollte. Der Einbau der neuen Dichtschnüre geht ohne Wassereinbruch über die Bühne. Wir lassen die letzte der drei alten Dichtpackungen unangetastet, sie hält das Wasser zurück.

Am Abend bleibt genug Zeit für einen Spaziergang zum Schloss und Park Sanssouci. Die Parkanlage ist überwältigend: Kilometerlange Baumalleen, Rebberge, Teiche, Hecken und uralte, riesige Bäume, hier kann man stundenlang staunen. Dazwischen glänzen die goldenen Kuppeln und Türme von Schlössern, Pavillons und Gärtnereigebäuden. Alles sieht aus wie im Märchenbuch, die preussischen Könige haben sich die römischen Kaiser als Vorbilder genommen und entsprechend mit der grossen Kelle angerichtet. 

Sonntag 25. Juni 2023, Potsdam-Havel (Ankerplatz Parschenkessel, Pfaueninsel): Wir stechen am Morgen in See, um wenig später den Anker auf der Westseite der Pfaueninsel zu werfen. Hinter der Insel befindet sich der Grosse Wannsee, eines der wichtigen Erholungsziele der Grossstadt Berlin. Der Badestrand am Wannsee ist etwa 1 Kiilometer lang und an einem sonnigen Sommersonntag sollen sich dort bis zu 30'000 Badende sonnen. Zwei Wannsee-Lieder: Conny Froboess und die Toten Hosen

Auf unserer Seite der Pfaueninsel ist es gemütlicher. Zwar dümpeln hier ein paar Dutzend Segel- und Motoryachten an der der Kette, doch gegen Abend lichtet sich das Feld der Ankernden. Am Schluss sind wir noch zu viert in der grossen Bucht, der Sonnenuntergang erhält Bestnoten und dann funkeln schon die ersten Sterne über der NAJADE. 

Gefahrene Distanz: 9 km, (Motor: 2983 h). 

Montag 26. Juni 2023, Havel/Pfaueninsel-Spandau (Stössensee): Die Havel präsentiert sich spiegelglatt, vor dem Morgenessen darf gebadet werden. Das Wasser ist über 24 Grad warm, es zeigen sich erste Algenschlieren an der Oberfläche. Der Ankerplatz garantiert für eine ruhige Nacht, und einen ebenso ruhigen Morgen. Nur ganz, ganz weit weg hört man den Lärmteppich von Verkehr und Geschäftigkeit. 

Für heute peilen wir die Region Spandau als Etappenort an. Das Suchen eines Liegeplatzes wird mühsam. Unsere Karten, Bücher und Apps zeigen zwar eine grosse Zahl von Häfen, Liegestellen und Marinas. Doch wenn man die angegebeben Nummern anruft, nimmt in der Regel niemand ab, oder soll man später wieder anrufen. Nach zwei erfolglosen Anrufen steuern wir den Clubhafen des Preussischen Motoryachtclubs an. Der Meldesteg ist frei. Während des Anlegens ruft jedoch jemand aus einem Schiff, es sei alles belegt. Da gerade Mittagszeit ist, verholen wir ans andere Ufer und werfen dort in einer Bucht Anker. Nun durchforsten wir nochmals eine Stunde lang alle Optionen. Dann endlich zeigt der Anruf beim Captain's Inn im Stössensse Erfolg. Wir buchen gleich für zwei Nächte, aus drei Gründen. Einerseits scheint die Marina sehr ruhig zu sein, die Liegepreise sind für Berliner Verhältnisse günstig (30 €, inkl. Strom und Wasser) und drittens beantwortet der Hafenmeister unsere Anfrage sehr freundlich.

Eine halbe Stunde später machen wir längs am Kopfsteg fest. Dort winkt der Chef persönlich. So wie wir es uns vorgestellt haben, so ist es auch: ruhig, freundlich und verkehrstechnisch sehr gut gelegen. Wir möchten mit dem Bus in die Stadt Spandau, die Haltestelle befindet sich fünf Minuten entfernt oben an der Hauptstrasse. Doch daraus wird mal nichts. Dunkle Gewittertürme bauen sich rundum auf. Ein kleines Sportboot kommt von der Ausfahrt zurück. "Da geht gleich was Grosses ab", ruft uns der Skipper zu. In Rekordzeit montieren wir die Fensterplanen ins Verdeck, keine Sekunde zu spät. Es knallt, und gleichzeitig öffnen sich die Schleusen. Eine Viertelstunde lang bricht die Welt zusammen. Die Gewitterwalze zieht alle Register, wir sind froh, am Steg zu sein. Sirenengeheul, auf der Strasse fahren die Feuerwehrkonvois im Minutentakt vorbei. Dann zeigt sich am Horizont ein erster heller Streifen, und drückt bald wieder die Sonne durch und der nahe Wald beginnt zu dampfen. 

Aus der Busfahrt in die Altstadt wird nichts, Laufen ist angesagt. Das Gewitter hat die Auffahrt zur benachbarten Freybrücke geflutet. Die Busse kommen nicht mehr durch, die Fussgänger können den entstandenen See via Geländer balancierend umgehen. Eine ältere Frau schimpft, und wir verstehen den Unmut. Die erst vor einigen Jahren neu gebaute Brücke wird offenbar regelmässig unter Wasser gesetzt, "...und kein Hahn kräht danach, niemand rührt sich, um die Situation zu verbessern." Auf der Spandauer Seite verkehren die Busse wieder. Wir geniessen den Abend in der Stadt und in der Gaststätte Brauhaus.     

Gefahrene Distanz: 12 km, (Motor: 2985 h).

Mittwoch 28. Juni 2023, Spandau/Stössensee-Berlin, Rummelsburger See:  Den Dienstag reservieren wir uns für eine Tour durch Berlin. "Schnappen Sie sich einen Regenschirm, um 12 Uhr setzt Regen ein", empfiehlt die Wetter-App. Und wir folgen dem Rat, was sich auszahlt. So alle zwei Stunden regnet es tatsächlich. Unser Timing passt, wir bleiben fast immer trocken. Den Stadtspaziergang ab Bahnhof Zoo beginnen wir auf dem Kurfürstendamm und bei der Kaiser-Wilhem-Gedächtniskirche. Für den Kaffeehalt wählen wir den Wintergarten ganz oben im KaDeWe-Kaufhaus, die Aussicht ist einmalig. Dann tauchen wir in die Geschichte ein: Potsdamer Platz, Denkmal für die ermordeten Juden im 2. Weltkrieg, Mauerbruchstücke, Brandenburger Tor, Museumsinsel. Die Zeitzeugen der Vergangenheit lösen Fragen aus: Wie kann sich ein Volk und ein Land in zwei gegensätzliche Welten teilen? Wie ist es möglich, dass einseitige Propaganda derart unkritisch und flächendeckend aufgenommen worden ist? Haben wir etwas gelernt, oder passiert heute in der Ukraine-Krise nicht wieder dasselbe wie damals?

Der Regen gibt uns Zeit für Pausen: Einmal verpflegt unter Dach beim Curry-Wurst-Stand und einmal im Trockenen in der S-Bahn auf der Ringstrecke durch die Berliner Quartiere. Dann ist schon Zeit fürs Abendessen im Sophieneck. Was gibt es dort? Eisbein, was sonst! 

Nun ist Mittwoch und wir stechen wieder in See, respektive wir wagen die Stadtrundfahrt auf eigenem Kiel auf der Spree. Für diese Tour mangelt es nicht an Informationen, beruhigenden und beunruhigenden. Laut Liste der Brückendurchfahrtshöhen des Wasserstrassen- und Schiffahrtsamtes Spree-Havel sollten wir eigentlich überall glatt durchkommen. Die Jannowitz-Brücke ist mit 4.10 m am niedrigsten. Präventiv legen wir das Verdeck trotzdem ab, die Sonne scheint ja, und wir müssen nicht mehr auf die Höhen achten. Die zweite Vorbereitungsmassnahme betrifft das Bereithalten der ausgedruckten Brückenliste. Auf der Spree gilt Funkpflicht bei den in der Liste besonders markierten Positionen. Brücke für Brücke können wir so abhaken, auf der Navigationskarte im Plotter sind die Brückennamen weit schwerer zuzuordnen. Wir sind zu Berg unterwegs und haben als erstes die Charlottenburg-Schleuse vor uns (Sportbootanleger rechts, Kommunikation auf Kanal 82 problemlos).

Wir haben etwas Stress erwartet und werden enttäuscht. Das Mitschwimmen im dichten Strom der kommerziellen Ausflugs- und Rundfahrtenschiffe läuft in der Praxis gemächlicher ab, als wir es uns vorgestellt haben. Vor den Grossen müssen wir Respekt, aber keine Angst haben, sie helfen uns sogar. Hinter uns reiht sich die FORTUNA aus Brandenburg in den Sightseeing-Konvoi ein, das Passagierschiff haben wir vor einigen Tagen schon einmal im Rücken gehabt und wir künden via Funk an, dass wir ausweichen und Platz zum Überholen machen. "Nö, nö, nicht nötig", tönt es zurück, "das passt schon". Ein paar hundert Meter weiter lassen wir dem Gegenverkehr Vortritt. "Fahrt nur zu, die haben schon genug Platz", kommentiert der Kapitän hinter uns unser Manöver... Fazit: Die Fahrt durch das Regierungsviertel wird zum unvergesslichen Erlebnis. Mitten durch Berlin auf der Spree: Das ist ein Muss! 

Nach dem ebenfalls unproblematischen Passieren der Mühlendamm-Schleuse (UKW-Kanal 20, Sportbootanleger links kurz vor der Schleuse, dicke Fender sind nötig) kehrt Ruhe ein, der Schiffsverkehr nimmt ein wenig ab. Als Tagesziel haben wir den Yachthafen Stralau im Rummelsburger See eingeplant. "Ihr dürft aber nicht länger als 12 Meter sein, sonst schicke ich euch wieder weg", warnt uns der Hafenmeister am Telefon. Die Zurückhaltung gegenüber grossen und schweren Schiffen verstehen wir beim Einparken. Die schmalen Seitenstege und Dalben sind arg schwach dimensioniert. Der Hafenmeister hilft beim Anlegen mit und gibt dann grünes Licht. Längenkontrolle bestanden, wir dürfen bleiben!

Zum Abschluss des eindrücklichen Tages besichtigen wir das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park (rund 30 Minuten zu Fuss). Das Monument ist gigantisch, erdrückend, und macht uns als Kriegsdenkmal im Kontext des aktuellen Zeitgeschehens besonders nachdenklich.

Hafeninfo: Nicht für grosse und schwere Boote geeignet, Hafenmeister kontrolliert strikt die Maximallänge von 12 Metern (max. Breite 4 Meter), sehr gepflegter Steg, 2 € pro Meter, plus 2.50 € pro Person, plus 1 €-Jetons für Duschen, Strom 1 € pro KWh (Münzautomat), Zugang zu Duschen und WC nur bis 22 Uhr, Zugang zum Steg mit Dongle.

Gefahrene Distanz: 19 km, inkl. 2 Schleusen (Motor: 2990 h).

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Donnerstag 29.Juni 2023: Rummelsburger See-Tempelhofer Hafen: Der Teltow-Kanal führt von der Spree zurück nach Potsdam. Im ersten Abschnitt ist die Wasserstrasse schmal. Im Plotter haben wir den AIS-Kollisionsalarm deaktiviert, um das stete Aufploppen von nervigen Warnmeldungen zu stoppen. Das war ein Fehler, denn überraschend kommt uns in einer engen Kurve ein polnischer Frachter unangekündigt entgegen. Wir retten uns ufernah mit voller Kraft zurück...

Der Tempelhofer Hafen ist sehr schön, und sehr gastfreundlich, und wenn wir den Titel des besten Hafenmeisters auf unserer Reise vergeben müssten, dann würde die Krone hierher gehören. Wir kommen genau um 12 Uhr an, trotz Mittagspause steht der nette Mann am Steg und erklärt uns alles. Das ehemalige Speicher- und Lagergebäude am Hafen ist unterdessen zum Einkaufszentrum im historischen Kleid mutiert. Gegenüber auf der anderen Kanalseite dominiert das Ulsteinhaus mit seiner Backstein-Architektur das Stadtbild.

Zum Tempelhofer Hafen hat uns die schwache Verbraucherbatterie geführt. In einem benachbarten Gebäude befindet sich ein Batteriehändler. Wir wuchten die beiden bejahrten und altersschwachen 170-Ah-Starterbatterien, die den Strom für das 12-V-Netz und den Inverter liefern, aus dem Untergrund und tauschen sie mit 200-Ah-AGM-Verbraucherbatterien. Diese sind ein wenig grösser und viel schwerer als ihre Vorgänger (63 statt 43 Kg). Doch wir haben richtig gemessen. Das Einpassen der Schwergewichte ist zwar schweisstreibend, aber von Erfolg gekrönt.

Auf Anraten des freundlichen Hafenmeisters besuchen wir am Abend die Burger-Bar am Hafen. Der Tipp ist gut, und das Essen noch besser. Getoppt wird das Erlebnis mit einem Gläschen Plomerio auf Kosten des Hauses. Plomerio? Kennt man doch! Das ist einer der besten Uzo's aus griechischer Fertigung.

Gefahrene Distanz: 12 km, (Motor: 2991 h). 

Freitag 30. Juni 2023, Tempelhofer Hafen-Potsdam: Der erste Abschnitt unserer Sommerreise 2023 nähert sich seinem Ende. Wir fahren zurück nach Potsdam. Es gibt spannendere Wasserstrassen als den Teltow-Kanal. Beim neuen Stadthafen Teltow staunen wir über die vielen freien Plätze. Für Kurzzeit-Gastlieger ist die Marina unter Umständen sehr interessant. Die Liegegebühren berechnen sich nicht nach Länge des Schiffs, sondern nach der Zahl der Personen an Bord. 10 € werden pro Kopf verlangt, Alleinreisende profitieren.

Zweimal regnet es heiue kurz, aber jedesmal zum dümmsten Zeitpunkt. Die Dusche Nummer 1 erhalten wir beim Schleusen in der Schleuse Kleinmachnow und Nummer 2 beim Anlegen in Potsdam (wieder beim Motorbootclub Havelbucht Potsdam). NAJADE wird für drei Wochen vertäut.

Wir feiern den erfolgreichen Abschluss unserer Sommerreise: Berlin ist erreicht und umrundet! Nach Hause geht's mit dem Auto fast staufrei, wenn die Zürcher Nordumfahrung nicht wäre... Dort lernen wir wieder, um jeden Meter zu kämpfen. Ja, wir sind wirklich wieder daheim. 

Gefahrene Distanz: 28 km, inkl. 1 Schleuse (Motor: 2995 h). 

Mittwoch 19. Juli 2023, Potsdam-Tegeler See: NAJADE sticht wieder in See. Die nächste Etappe unserer Sommerreise beginnt. Wir sind spät in der Nacht in Potsdam angekommen. Zum Glück war es schon dunkel. Jetzt, bei Tageslicht, schwimmt unser Schiff nicht mehr im Havel-Wasser, sondern in einer giftgrünen Algensuppe. Zuhause würde man den Rasenmäher bereitmachen, wir greifen zu Besen und Wischer. Nein, nicht der Algenteppich ist das Problem, sondern die Armada von Spinnen in allen Grössenordnungen, die sich in unserer Abwesenheit überall eingenistet haben. 

Für die Fahrt nach Berlin haben wir als Beförderungsmittel Flixbus gewählt. Der Preis stimmte, und jetzt, nach 13 Stunden Reisedauer ist auch der Gesamteindruck eher positiv. In Zürich sind wir kurz nach 07.30 Uhr weggefahren, und in Berlin steigen wir um 20.30 Uhr beim Zentralen Busbahnhof aus. Klar, das ist eine sehr lange Zeit im Bus, aber die Sitze waren bequem, das Klima angenehm und die mitreisenden Gäste im fast vollbesetzten Doppelstöcker störten nicht. Im Preis inbegriffen war sogar die Fährpassage über den Bodensee zwischen Konstanz und Meersburg. Den einzigen Minuspunkt gibt's für die Sauberkeit der Toiletten im Flixbus-Terminal in München: 1 € Gebühr, aber ungeputzt. 

Die Fahrt havelaufwärts ab Potsdam ist ein Erlebnis. Der Fluss ist eine Art geschrumpfter Zürichsee, mit allem, was dazugehört. Villen am Ufer, Parkanlagen, Rundfahrtenschiffe, Segler und bekannte Sehenswürdigkeiten, wie etwa der Wannsee, das Schloss Babelsberg oder die Berliner Vorstadt Spandau. Wir spüren, dass nun deutschlandweit die Sommerferien begonnen haben. Es sind viele Sportschiffer unterwegs und wir erwarten eine längere Wartezeit an der Schleuse Spandau. Das Gegenteil ist der Fall: Die Schleuse Spandau wartet auf uns. Fünf Schiffe liegen in der Kammer bereits fest. Über Funk teilt uns der Schleusenmeister mit, dass wir zügig einfahren sollen. Kaum haben wir die Mittelleine um den Poller gelegt, schliessen sich hinter uns schon die Tore.

Im Tegeler See ankern wir in der Nähe der Forsthausbucht (3,5 m Wassertiefe). Nicht ganz alleine, aber doch ziemlich einsam. Wir schwimmen im "klarsten Berliner Naturgewässer", das 24 Grad warm ist und staunen über die Ruhe am Rande einer Millionen-Grossstadt. Berlin überrascht aus der Wasserperspektive sowieso. Die Vielfalt der Wasserwege ist unglaublich, die Zahl der Sportboot-Liegestellen und Anlegemöglichkeiten ebenso. Für den negativen Aufreger sorgen einzig zwei Ruderer in einem Doppelzweier. Sie beschweren sich bei der NAJADE-Crew lauthals über vorsätzlich erzeugten Wellenschlag. Hä? Wir dümpeln seit über einer Stunde an der Ankerkette....

Am Abend nach Sonnenuntergang kommt nochmals Besuch, gleich mehrfach. Zuerst beehrt uns eine Regenfront, dann fährt die Wasserschutzpolizei mit Vollgas zu einem Einsatz vorbei - das gibt nun wirklich Wellen - und als letzte Gäste lassen sich Dutzende von Schwalben auf der NAJADE nieder. Zwitschernd und pfeifend umfliegen sie das Schiff, landen auf Reling, Verdeck und Antennen und machen bei uns mal Pause. Haben die Schwalben etwa die Schweizer Fahne erkannt und wollen mitreisen? Oder picken sie einfach Spinnen und Mücken vom Boot? Wer weiss, die Flugshow jedenfalls ist beeindruckend. Und dann sind die Schwalben einfach wieder weg. 

Gefahrene Distanz: 28 km, inkl. 1 Schleuse (Motor: 2999 h).

Donnerstag 20. Juli 2023, Tegeler See-Oranienburg: Zum Morgenritual an Bord gehört die morgendliche Zeitungslektüre. Die heimische Postille steckt im Internet-Briefkasten, sobald man online ist poppen auch tagesaktuelle, lokale News und Schlagzeilen auf dem Handy auf. Huch, in Berlin wird nach einer entlaufenen Löwin gefahndet. Zum Glück haben wir geankert und sind für das vorwiegend an Land jagende Raubtier keine so leichte Beute.

Mehr Sorgen macht das Wetter, es ist grau und kühl. In der Nacht hat es zeitweise kräftig gewindet, die Ankerkette ruckte, aber der Anker hielt bestens. Beim Aufholen ziehen wir ein ordentliches Fuder Grünzeug mit, dass sich an den Ankerflunken und in den Kettengliedern verhedert. Mit zwei Bootshaken stochern wir in mühsamer Kleinarbeit das Kraut weg. 

Die Fahrt havelaufwärts ist abwechslungsreich. Urwaldähnliche Passagen wechseln mit Villenvierteln ab. Dann folgt eine Schrotthalde mit Baggern, die sich durch Alteisenberge arbeiten. Es riecht nach Metall- und Roststaub. Ein riesiges Stahl- und Walzwerk schliesst sich an. In Oranienburg biegen wir links Richtung Schlosshafen ab. Am Morgen haben wir der Hafenmeisterin telefoniert, sie garantiert uns einen Liegeplatz im Servicehafen direkt vor dem Büro- und Toilettengebäude. "Erschrecken Sie nicht, es hat viele Wohnmobile hier", sagt die Frau noch, und tatsächlich, rund um das fast leere Hafenbecken stehen die rollenden Wohnstuben in Reih und Glied. 

Zum Besuch in Oranienburg gehört ein Rundgang durch den Schlosspark. Dieser ist heute besonders spannend. Am Abend tritt im Schlosshof Matthias Reim auf, jetzt läuft der Soundcheck. Tönt gut. Morgen wäre es noch interessanter: Angesagt ist ein Konzert von Nena.

Hafeninfo: Sehr freundliches Hafenmeister-Paar, das Bezahlen der Liegegebühr erfolgt an einem Automaten (keine Barzahlung), günstig (12 m kosten 18 €), Prepaid-Zugangskarte für Türen und Duschen, Langzeitliegeplatz möglich. 

Gefahrene Distanz: 26 km (Motor: 3002 h). 

Freitag 21. Juli 2023, Oranienburg-Zehdenick: Das Donnerstag-Konzert von Matthias Reim, das wir als Zaungäste ausserhalb der Absperrungen mitgehört haben, klingt beim Aufwachen noch nach. Die heissen Sommertage der letzten Woche sind Vergangenheit. «Heute spürbar kälter als gestern» und «Schnappen Sie sich einen Regenschirm» empfiehlt die Wetter-App. Lange Hosen und Wolljacke werden als Bordbekleidung des Tages ausgewählt. Der angekündigte Regen bleibt aus, doch der kalte Wind macht die Fahrt durchs Haveltal kühl.

Bei der Schleuse Lehnitz fahren wir als Nummer 10 an den Wartesteg. Der Schleusenmeister informiert uns über eine "zu erwartende Wartezeit von einer Stunde". Dem Segelboot vor uns war noch eine Pause von zwei Stunden mitgeteilt worden. Sie warten aber bereits eine Stunde. Weitere Boote vergrössern die Kolonne. Zufällig liegen wir neben zwei Mietschiffen mit Schweizer Crews. Endlich schaltet das Einfahrsignal auf grün, und los geht’s. Der gesamte Pulk nimmt Fahrt, aber das befürchtete Chaos bleibt aus. Der Schleusenmeister übernimmt die Rolle des Einordners und weist jedem Schiff seinen Platz zu. Das funktioniert bestens ohne Hektik und Aufregung.

Im Oberwasser geben die einen Gas (sie müssen in Zehdenick ihre Charterschiffe abgeben), die anderen wählen eine gemählichere Gangart. Wir hängen uns am Schluss an. In der nächsten Schleuse, der Selbstbedienungs-Schleuse Liebenwalde am Eingang des Malzer Kanals, haben sowieso nicht alle Platz, die Kammer ist dreimal kleiner als jene in Lehnitz. Die Schleusung wird via Hebestange am Wartesteg ausgelöst. Klappt bestens, beim nächsten Hub gehen wir mit zwei anderen Schiffen mit.

Zu dritt rutschen wir entspannt durch die Schleusen Bischofswerder und Zehdenick und legen in der Schlossmarina Zehdenick an (telefonisch 2 Stunden vor Ankunft vorreserviert). Der Hafenmeister hilft beim Anlegen, die Anlage ist sehr gastfreundlich und sauber. Am Abend erhalten wir Nachhilfeunterricht über die Benimmregeln in den norddeutschen Häfen. Wir haben ein paar Würstchen auf den Grill gelegt, angeregt vom Schiffsnachbar, bei dem während unseres Anlegemanövers ein paar Fleischbrocken im Grill brutzelten. «Grillen ist in den Marinas generell verboten», hebt der Hafenmeister seinen Finger, «esst fertig, aber macht das nie wieder!». OK, verstanden.

Zehdenick ist ein spannendes Örtchen zum Spazieren. Die alten Häuser erzählen mit ihren Fassaden Geschichten, die Schaufenster der kleinen Läden zeigen überraschend kreative Auslagen (zum Beispiel lauter rostige DDR-Velos im Edelfahrradgeschäft). Wir schlendern über die Hubbrücke bei der Schleuse und beobachten das Schleusenmanöver eines Bungalowboots. Zurück im Hafen klingt der Abend wie am Vortag aus. Die Hafencrew feiert im Partyzelt und dreht den Sound auf. Kurz nach 22 Uhr singt Matthias Reim erneut seinen Schlusssong: «Verdammt ich lieb dich», verdammt laut. Doch wir sind sozusagen schon in der Schlafphase und hören nur noch mit einem ganz kleinen Ohr zu.

Hafeninfo: Der Schlosshafen ist ein guter Stopp, auch für einen längeren Aufenthalt oder Reparaturen am Schiff (Kran, Werkstatt und sogar ein Trockendock sind vorhanden, Spezialgebiet der Werft ist die Oberflächenbehandlung inkl. Sandstrahlen und Schweissen). Liegekosten 20 €/Schiff, zusätzliche Personen 3 €, Duschen 2 €.

Gefahrene Distanz: 37 km, inkl. 4 Schleusen, (Motor: 3007 h).     

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Samstag 22. Juli 2023, Zehdnick-Stolpsee: Beginnen wir mit dem Wetter: nicht schlechter und nicht besser, aber es regnet immerhin nicht und zwischendurch bricht die wärmende Sonne für längere Zeit durch. Die Havel mäandert durch Wälder und unberührte Auenlandschaften. Rotbraune Föhren wechseln mit Mischwald, es riecht nach Harz und Kieferzapfen. Wunderschön, die Zivilisation ist weit weg, kein Handyempfang. Mit Schorfheide, Zaaren, Regow und Bredereiche stehen vier Selbstbedienungs-Schleusen auf dem Tagesplan. Wir müssen jeweils maximal eine Viertelstunde warten, bis es aufwärts geht. Zum Konvoi gehören noch zwei weitere Schiffe und zwei Kanus. Die Kanuten sind etwa gleich schnell wie die Motorschiffe unterwegs und paddeln eine Tagesetappe von über 30 Kilometern ab!

Im Stolpsee ankern wir in der Bucht am Südwestufer hinter der kleinen Insel. Laut Karte ist es hier etwa 4 bis 5 Meter tief, wir stecken 30 Meter Kette. Nach getaner Arbeit entkorken wir eine Flasche Weisswein, und staunen, dass sich unser Boot in den Böen kaum bewegt. Das Loten mit dem Bootshaken ergibt am Heck eine Tiefe von einem Meterr, wir hocken fest! Also, nochmals Anker auf, neue Position suchen, Anker ab. Nun hält das Eisen. Weissweinflasche auf. 

Gefahrene Distanz: 38 km, inkl. 4 Schleusen (Motor: 3012 h). 

Sonntag 23. Juli 2023, Stolpsee-Menowsee: Beginnen wir mit dem Wetter, wenn die Sonne scheinen würde, dann wäre Hochsommer. Leider weist heute nur das Datum auf den Sommer hin. Es ist recht kühl, und die grauen Wolken am Himmel weinen ab und zu. Trotzdem kommen wir nach und nach in die Gänge und fahren los. 

Vor der Schleuse Fürstenberg geht die Stimmung vollends in den Keller. Ein nicht zu schätzende Zahl von Schiffen liegt wartend am Wartesteg oder dreht im kleinen See Warterunden. Nein, das ist nichts für uns, wir legen das Ruder hart um und wenden. Das Alternativprogramm ist schnell zusammengestellt. Wir buchen in der Marina Fürstenberg einen Dreistunden-Kurzzeit-Liegeplatz. Von der Marina aus ist die Gedenkstätte Ravensbrück gut zu Fuss erreichbar. Ravensbrück steht für das grösste Frauen-Konzentrationslager der Nazi-Zeit. Der Rundgang ist sehr eindrücklich und sehr emotional, die Dichte von negativen Eindrücken erschlägt einem beinahe. 

Nachdenklich und betroffen binden wir NAJADE wieder los und wagen den zweiten Anlauf zum Überwinden der Schleuse Fürstenberg. Der Stau ist jetzt nur noch halb so lang wie am Morgen. Nach fünf Viertelstunden sind wir durch. Im Oberwasser fahren wir an der NIZINA vorbei. Das wunderschöne Schiff mit Schweizer Flagge hatten wir schon im Mittelland-Kanal angetroffen. Wir wechseln ein paar Worte und hoffen auf ein Wiedersehen irgendwo auf dem Wasser. In unserem Windschatten fahren drei Jungs auf einem Bunbo mit. Sie haben ein reich dotiertes Getränkesortiment an Bord und verkürzen sich die Wartezeiten mit Trinkspielen. In der Schleuse Steinhavelmühle übernehmen sie die Unterhaltung komplett und lassen über ihren Soundblaster ein Wunschkonzert laufen. Wir Schweizer werden mit Patent Ochsner und W. Nuss vo..... beehrt, und die mitschleusende Padlerfamilie darf Queen und Freddie Mercury hören. 

Buh, das war irgendwie ein anstrengender Tag. Im Menowsee ist Schluss, der Anker fällt in 4 Meter Wassertiefe und wir liegen bald flach. 

Gefahrene Distanz: 12 km, inkl. 2 Schleusen (Motor: 3015 h).

Montag 24. Juli 2023, Menowsee-Mirow: Im Ferienparadies Seenplatte brauchen nicht nur die Schleusen mehr Geduld, auch für die Ankermanöver benötigen mehr Zeit. Eine ruhige Nacht im idyllischen Menowsee liegt hinter uns. So gegen halb zehn möchten wir zur Etappe nach Mirow starten. Der Blick auf die Ankerkette lässt böses ahnen: ein dickes Fuder Seegras hat sich um die Kette gewickelt. Mit jedem Meter Einziehen der Kette wird der grüne Wust grösser. Schlingpflanze für Schlingpflanze fädeln wir aus den Kettengliedern. Rund um NAJADE breitet sich ein schwimmender Teppich aus. Dann endlich kommt der Anker in Sicht. Die Flunken haben ordentlich Schlick geladen. Auch der muss weg. Mit frisch geputztem Ankergeschirr sind wir nun endlich abreisebereit.

Heute absolvieren wir eine Geografiestunde mit dem Schwerpunktthema "Seen der Mecklenburgischen Seenplatte". Für uns Schweizer ist das kein Problem, denn die Seen hier haben eine ähnliche Entstehungsgeschichte wie jene bei uns. Gletschereis hat die Becken geformt. Das wäre dann aber schon etwa die einzige Gemeinsamkeit. Hier hat es weder Berge noch reissende Bäche und Flüsse, und die Ufer sind sozusagen flach. Wir bewegen uns auf einer Höhe von etwa 60 Metern über Meer, die höchsten Hügel in der weiteren Umgebung erreichen etwas mehr als 100 Meter. Aber oha! Die Seenlandschaft ist die Wasserscheide zwischen der Ostsee und der Nordsee (die Havel fliesst in die Elbe) und geologisch gesehen sind die Seen vor weniger als 20'000 Jahren entstanden.

Auf der heutigen Etappe reiht sich See an See. Hier die Namen in der Reihenfolge ihres Auftritts: Menowsee, Ziernsee, Ellbogensee, Grosser Pällitz See, Kleiner Pällitz See, Canower See, Labussee, Grosser Peetschsee, Vilzsee, Mossensee, Zotzensee und Mirrower See. Jeder von ihnen wäre es wert für eine Badepause oder einen Übernachtungsstopp. Aber soviel Zeit haben wir nicht. Wir investieren heute unser Zeitbudget in die Schleusen Strasen, Canow und Diemitz. Deren Passagen brauchen etwas Geduld. So etwa eine Stunde muss man rechnen, bis man durch ist. Jeweils ein Dutzend Boote stauen sich. Das schafft Raum für Begegnungen: der Nachbar von hinten spendiert ein Schleusenbier, und die webende Marlis wird mit ihrem Webstuhl zu Attraktion. Dann rauscht ein heftiges Gewitter heran und plötzlich fühlen wir uns einsam, die Sichtweite beträgt noch knapp 100 Meter, alle anderen Schiffe sind nicht mehr zu sehen. Genau jetzt steht die nächste Schleusung bevor. Das wird echt zur feuchten Angelegenheit.

In Anbetracht der Verkehrsdichte auf dem Wasser resevieren wir uns einen Liegeplatz in der Nordmarina des Bootsservices Rick. Das war ein guter Schachzug. Als wir gegen 17 Uhr einlaufen, ist unser Platz der einzige, der noch frei ist. Draussen warten noch mehrer Interessenten auf Einfahrt, doch der Hafen ist nun voll. Der Empfang ist sehr freundlich, das Duschvergnügen weniger. Für 1 € bekommt man 120'' warmes Wasser, dann macht es klick und man wird eiskalt geduscht. Empfehlenswertes Restaurant: Zum bunten Hirsch (15' zu Fuss).

Hafeninfo: Unbedingt telefonisch reservieren, Strom ab Säule 1 €/kwh, Duschen 1 €, Absaugstation, Wasser 1 €/150 lit.

Gefahrene Distanz: 32 Kilometer, inkl. 3 Schleusen (Motor: 3021 h). 

Dienstag 25. Juli 2023, Mirow-Müritz (Ankerbucht Rehlager vor Ludorf): Nach 174 Stunden Motorfahrt während 43 Reisetagen geht der Vorhang auf: der schmale Kanal der Müritz-Havel-Wasserstrasse wird zum breiten See, das gegenüberliegende Ufer ist nur als schmaler Strich zu erkennen, dazwischen nichts als Wasser. Wir sind am Ziel, wir haben die Müritz erreicht!

Die unendliche Weite des Sees beeindruckt, NAJADE geniesst die neue Freiheit ebenfalls. Die Fahrerei auf Kanälen und Wasserstrassen war anstrengend. Die nahen Ufer links und rechts engten den Weg ein, das Steuern der alten Dame brauchte uneingeschränkte Konzentration. Jetzt lassen wir das Schiff laufen. Die Fahrwasserbojen sind plötzlich weit weg, es hat viel, sehr viel Platz. 

Der Willkommensgruss der Müritz ist nicht gerade freundlich. Böiger Westwind macht das Wasser grau und unruhig, dunkle Wolken jagen über den See, nur ab und zu blinzelt die Sonne durch. Trotzdem ist es schön. Wir fahren nicht mehr weit. Vor Ludorf lassen wir am Westufer den Anker auf 3,5 m Tiefe fallen. Eine Flasche Weisswein und und ein kleiner Apéro wird serviert. Wir haben Grund zum Feiern. 

Die Einfahrt auf den grossen See mussten wir uns zuerst verdienen. Kurz nach dem Losfahren biegen wir Richtung Schleuse Mirow ein, das berühmt-berüchtigte Nadelöhr der Mecklenburgischen Seenplatte. Zehn Uhr, der Rückstau in Reiserichtung Norden ist bereits beträchtlich lang. Im Vergleich zum Gotthard-Strassentunnel würde die Verkehrsmeldung in etwa so lauten: "14 Kilometer Rückstau vor dem Südportal, die Wartezeit beträgt etwa drei Stunden." Eine lange Kolonne von Bunbo's, Wohnschiffen, Sportbooten, kleinen Flitzern und Padlern hängt am Wartesteg. Weit weg ist die Schleuse mit ihren beiden Hubtoren zu sehen. Uns interessiert vor allem deren Durchfahrtshöhe. Mindestens 4.1 m brauchen wir, 4.2 m gibt die Navigationskarte als Durchgang an. Präventiv bauen wir das Verdeck ab. Der Zeitpunkt ist günstig, die Sonne scheint.

Im Halbstundentakt rücken wir vier Schiffslängen vor, vier 12-m-Schiffe finden jeweils in der Kammer Platz. Bis gegen 13 Uhr sind wir auf den zweitvordersten Platz vorgerückt und im nächsten Schub schleusen wir mit. Im Gegensatz zum Gotthardstau, wo um jeden Meter gekämpft wird, ist der Mirow-Stau schon fast genüsslich. Man plaudert ein wenig mit den Bootsnachbarn, schleicht den Pollern entlang vorwärts, um dann wieder festzumachen. Für Unterhaltung sorgen die Crews der klobigen Bungalow-Kisten. Mangels seemännischer Erfahrung und wegen den eingeschränkten Manöverierfähigkeiten der untermotorisierten Wohnschiffe sind die Anlegemanöver eine heikle, aber spannende Angelegenheit, wenn man Zuschauer ist. Die Crews hingegen haben Stress. Aber Hochachtung: Alle meistern die Situation, obwohl sie vielleicht vorher noch nie das Kommando über ein schwimmendes Einfamileinhaus üben konnten. Übrigens: Während der Schleuseneinfahrt haben wir die Durchfahrtshöhe des Hubtores gemessen: etwas mehr 4.2 m, es hätte ohne Verdeck abbbauen gereicht, vermutlich....

Gefahrene Distanz: 20 km, inkl. 1 Schleuse (Motor: 3024 h).

Mittwoch 26. Juli, Ludorf/Müritz-Waren: In der Nacht nahm der Wind ab, die Wolken verzogen sich. Jetzt am Morgen hingegen bläst es wieder kräftig, trotz Sonne bleibt der Zmorgentisch eine kühle Sache. Der Stadthafen Waren ist ein beliebter Ort. Wir rufen mal an, und erkundigen uns über freie Liegeplätze. "Wenn ihr bis 11 Uhr da seid, wird es klappen", meint der Hafenmeister. Wir liften zügig den Anker und peilen Waren an. In der Seemiete hat der Westwind ein wenig Wellen aufgebaut, und NAJADE schauckelt mit. Nicht allzu heftig, aber zur Eingewöhnung an die künftigen Passagen in der offenen Ostsee reicht es allemal. 

Punkt 11 Uhr stehen wir vor Waren und der Hafenmeister umkurvt uns mit seinem Schlauchboot und weist uns einen freien Platz am Kopfsteg zu. Für den Besuch des Städtchens haben wir uns vorinformiert. Hier sei es ein wenig wie in St. Tropez an der Cote d'Azur, liest man. Schön sieht es wirklich aus, und wenn hier vielleicht sogar ein Abbild von B. Bardot anzutreffen wäre, umso schöner. Nur das Wetter ist nicht wie am Mittelmeer. Kaum haben wir einen Fuss an Land gesetzt, um im nahen Lebensmittelgeschäft die Bordvorräte aufzufüllen, beginnt es wie aus Kübeln zu giessen. 

Für uns ist Waren der Wendepunkt. Als nächstes Ziel haben wir nun Stettin definiert. Einige Marinas bieten dort Liegeplätze an. Wir schreiben vier polnische Yachthäfen per Mail an und erhalten eine einzige Antwort... Die Marina Dąbie macht uns ein attraktives Angebot. Der Gastliegeplatz für sechs Wochen soll 1100 polnische Zloti kosten. Das sind etwa 250 Franken. Wir sagen zu.   

Hafeninfo: Prepaidkarte für Duschen und Strom.

Gefahrene Distanz: 15 km, (Motor: 3026 h).

Donnerstag 27. Juli 2023, Waren-Röbel (Ankerplatz Stadtbucht): Wettermässig kennen wir unterdessen unsere Pappenheimer. Tag für Tag läuft dasselbe Programm ab. Am Morgen scheint die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel, ab zehn Uhr ziehen Wolken auf und ab 12 Uhr setzt Regen ein, ab und zu meldet sich die Sonne zurück. Das Standarddrehbuch rollt auch heute ab. Wir geniessen bei wärmenden Sonnenschein die frischen Brötchen. Mit dem zunehmenden Wind erhöht sich die Bewölkung und die Temperatur sinkt. Kaum haben wir abgelegt, verschwindet die Sonne ganz. Das ist das Zeichen, um Pullover und Regenjacke anzuziehen.

In Röbel legen wir am Stadtanleger an. Eigentlich sind mehr als 3,5 m breite und mehr als 12 m lange Schiffe unerwünscht. Die Crew einer recht grossen Yacht am Steg empfiehlt uns, das Ganze nicht so eng zu sehen und in eine der leeren Boxen einzufahren. Das machen wir. Der Hafenmeister hat auch nichts dagegen und kassiert 3 € für zwei Stunden Kurzzeitliegen. Wir nutzen die Zeit für einen Spaziergang durch das wunderschöne Städtchen mit seinen aufwändig zurechtgemachten Fachwerkhäusern, die einem an Holland erinnern. Auf den Turm der Nikolai-Kirche kann man gegen das Bezahlen einer Spende hochklettern. Schmale Wendeltreppen und Holzstiegen führen nach oben. Der Turm hat keine Terrasse, sondern auf der obersten Plattform sechs Türen. Wie beim Adventskalender kann man eine nach der anderen öffnen, sechs verschiedenen Panoramen breiten sich aus. Von oben sieht man nicht nur die flache Umgebung, sondern auch die heranrauschenden Regenwolken. Also nichts wie los wieder nach unten (Achtung Gegenverkehr, auf den schmalen Trappen ist Kreuzen unmöglich), und noch rasch bei der Windmühle vorbei. Aus rasch wird lang, wir treffen auf eine Familie aus Wettingen, die ebenfalls mit dem Schiff unterwegs ist. Eine NAJADE-Besichtigung schliesst sich an. Bevor der Regen richtig einsetzt, reicht es noch für ein Fischbrötchen mit Weisswein in der Fischbude am Hafen (Sehr fein, empfehlenswert).

Da unsere Parkzeit abgelaufen ist, legen wir ab und ankern ein paar hundert Meter weiter in der Bucht vor dem Städtchen (3,5 m Wassertiefe). Eigentlich könnten wir nun die Kühlschränke abschalten und Batteriestrom sparen. Niemand will kühles Bier. Gefragt sind Kaffee und heisser Tee. Genau, es ist immer noch ziemlich kalt draussen und der stete Landregen kann die Stimmung auch nicht bessern. Dann halt doch ein Bier!

Gefahrene Distanz: 17 km, (Motor: 3028 h).

Freitag 28. Juli 2023, Röbel-Kleiner Pälitzsee: Der Morgen beginnt mit Nebel. Nein, nicht draussen, sondern unter dem Verdeck. Die Luftfeuchtigkeit liegt nahe am Taupunkt und die vier dampfenden Tee- und Kaffeetassen lassen die Plastikscheiben sofort beschlagen. Dabei wäre eine gute Aussicht beim Morgenessen wichtig. Draussen läuft nämlich ein grösserer Feuerwehreinsatz ab. Gestern am frühen Abend hatte sich das Gleiche schon mal abgespielt. Wir wissen nicht weshalb. 

Der Grosseinsatz beginnt mit dem Heulen der Luftschutz-Sirenen. Daheim in der Schweiz schalten wir dann sofort das Radiogerät ein, um informiert zu sein. Hier kommt nur Musik aus dem Lautsprecher, keine Alarmmeldung. Wir recherchieren im Internet und finden heraus, dass es in Mecklenburg üblich ist, die Ortsfeuerwehr via Sirenenalarm aufzubieten. Wir atmen auf, es besteht also keine Gefahr für die Öffentlichkeit. Zehn Minuten später fährt am Ufer die Feuerwehr mit drei Fahrzeugen auf, auf dem See brausen ein Feuerwehr- und ein Polizeiboot heran. Man sucht offenbar etwas im Wasser. Am Abend ging das zwei Stunden so, bis sich die Truppe zurückzog. Jetzt am Morgen dauert der Einsatz an. Wir liften den Anker und verlassen den Schauplatz. Gegen Mittag publiziert die Feuerwehr Infos über den doppelten Grosseinsatz am Abend und am Morgen. Auslöser des Alarms waren Ölspuren auf dem Wasser (Zeitungsbericht im Nordkurier).

Die Kirche von Röbel verschwindet im Rücken, vor dem Bug öffnet sich die Weite der Müritz. Heute hat es fast keine Wellen, und wir geniessen die Fahrt durch den riesigen See. Bis zur Insel Burgwall in der Kleinen Müritz liegen die roten Fahrwassertonnen an Backbord, danach wechseln die Seiten.

Die Passage der Schleuse Mirrow nutzen wir für die Eichung der NAJADE-Durchfahrtshöhe. Telefonisch fragen wir an der Schleuse den heutigen Pegel und die aktuelle Durchfahrtshöhe unter den Hubtoren ab. Pegel: 1.90 m, Durchfahrtshöhe: 4.18 m. Um einen verlässlichen Messpunkt zu erhalten, haben wir die Radio-Antenne mit einer Stricknadel um 15 cm verlängert. Dieser Punkt markiert den höchsten Bügel des Verdecks. Die Wartezeit an der Schleuse beträgt etwa eine Stunde. Gemütlich bauen wir das Verdeck über der Flybridge ab. Dann fahren wir unter dem Hubtor durch und messen und vergleichen die ermittelten Werte. Unter dem Strich errechnen wir eine Durchfahrsthöhe von 4.08 m. Sind wir jetzt schlauer als vorher? Nicht unbedingt! Je nach Füllstand unserer Tanks und je nach Personenbelegung liegen wir tiefer oder höher im Wasser, und überhaupt, wer fährt schon auf eine niedere Bücke zu und riskiert einen teuren Schaden am Verdeck, nur weil das Schiff gemäss Berechnung durchpassen sollte. 

Beim Ankern im Kleinen Pälitzsee vergessen wir die Rechnerei endgültig und lassen den Abend bei Kerzenlicht ausklingen.  

Gefahrene Distanz: 41 km, inkl. 3 Schleusen, (Motor 3033 h).

Samstag 29. Juli 2023, Kleiner Pälitzsee-Rheinsberg: Es ist Samstag und NAJADE zeigt sich im Sonntagskleid: Flaggengala. Ein verdientes Mitglied unserer Stammcrew feiert den Beginn des Ruhestands. Für den Abend haben wir deshalb einen Liegeplatz vor dem Schloss Rheinsberg reserviert.

Das Übernachten im fürstlichen Umfeld muss zuerst verdient werden. Laut diversen Quellen ist die Schlabornbrücke zwischen 3.8 und 4.2 m hoch. Wir benötigen mit Verdeck etwa 4.05 m, doch weder kennen wir den tagesaktuellen Pegel noch die exakte Höhe von NAJADE. Also bauen wir bei der Annäherung an die schmale und niedrige präventiv das Dach ab. Genau jetzt öffnet der Himmel seine Schleusen, und zwar richtig. Im heftigen Gewitterregen passieren wir die Brücke und stellen fest, dass es auch mit Verdeck gereicht hätte. Äusserlich nass montieren wir das Tuchzeugs wieder, und werfen für den Trocknungsvorgang den Anker. Die Pause wird, richtig geraten, für den Geburtstsgsapero genutzt.

Bei der Marina Rheinsberg (Reederei Halbeck) suchen wir die blaue P-Tafel, die uns der Hafenmeister am Telefon angegeben hatte. Sie steht am Ende des breiten Stegs, mit zwei wackeligen Fingerstegen. Sehr vorsichtigt zirkeln wir NAJADE an den Platz. Der Rundgang im Hafen zeigt, dass man hier ohne Seitensteg anlegt, das heisst mit dem Heck abgefendert direkt an die Mauer. Diese Tortur wollen wir unserer schönen, aber nicht so robusten, Badeplattform nicht antun. Mit dem Hafenmeister können wir aushandeln, ab 18 Uhr seitwärts bei der Absauganlagezu zu parken. Dort fühlen wir uns sicher. 

Schloss und Städtchen Rheinsberg sind sehr sehenswert, und auch die Promenade am Wasser hat ihren Reiz. Villen und Gärten gefallen, und als Rariität gibt es einen kleinen Laden, der Lakritze in allen Variationen verkauft. Das Geburtstagsfest verlegen wir in die Gaststätte "Zum Fischerhof". ein wunderschöner Ort zum Geniessen und Schlemmen.  

Gefahrene Distanz: 13 km, inkl. 1 Schleuse (Motor 3036 h).

Sonntag 30. Juli 2023, Rheinsberg-Ellbogensee: Ende August, und nach wie vor ist vom Hochsommer gar nichts zu spüren. Immerhin zeigt der Himmel mehr blaue Löcher als graue Wolken und die Sonne zeigt sich öfters als auch schon, es ist ja Sonntag. Die Abfahrt ist auf nach 10 Uhr terminiert. Die nahe Fischräucherei öffnet dann, und wir benötigen noch kulinarische Requisiten für das Sonntagsbüffet. Geschlafen haben wir eigentlich sehr gut, abgesehen vom Heulen der Sirenen irgendwann in der Nacht. Auch in Rheinsberg wird offenbar die Feuerwehr so alarmiert, dass es die gesamte Bevölkerung mitbekommt.

Bei schönstem Sonnenschein drehen wir noch eine Besichtigungsrunde vor dem Schloss Rheinsberg, dann bereiten wir uns auf die erneute Durchfahrt der niedrigen Schlabornbrücke vor. Am Tag zuvor sind wir zum Ergebnis gekommen, dass NAJADE mit Verdeck durchfahren könnte. Nun kommen uns aber wieder Zweifel. Was, wenn über Nacht der Pegel gestiegen ist? Der Freiraum betrug nur etwa 15 cm. Allerdings haben wir in Rheinsberg rund 600 Liter Wasser gebunkert. Dieses Gewicht drückt unser Schiff tiefer ins Wasser. In der Schlussbeurteilung obsiegen die Zweifel. Wir bauen ab! Das beruhigt Nerven und Gewissen. 

Entspannt fahren wir weiter, und noch immer scheint die Sonne. Wir sind tiefantspannt und werfen im Tetzowsee den Anker. Am Morgen haben wir nicht nur die Fischräucherei besucht, sondern auch die Konditorei nebenan. Kaffee und Kuchen sind angesagt, respektive Apfelkuchen, Bienenstich und Ochsenauge. Nachher dösen wir auf dem Deck und zählen die vielen Boote, die in die gleiche Richtung wie wir unterwegs sind. Das wird einen langen Rückstau vor der Schleuse Wolfsbruch geben, denken wir.

Stimmt, wir hängen uns zuhinterst in die lange Kolonne und rutschen schrittweise nach vorne. "Klingeling" tönt es von hinten, das Unterhaltungsprogramm beginnt. Das Kioskboot fährt den Stau an, der schwimmende Krämer versorgt die Wartenden bestens. Im Angebot sind geräucherte Forellen, Brötchen, Eierlikör oder Apfelkuchen, alles hausgemacht. Die zwei Stunden Wartezeit sind so schnell vorbei.

Bei der Ankunft an der Schleusen Strasen ist es unterdessen 17 Uhr geworden. Niemand wartet mehr, wir können direkt einfahren. Für die Unterhaltung sorgt hier eine Ringelnatter, die in der Schleusenkammer unterwegs ist.

Am Abend ankern wir im Ellbogensee in der Bucht Pelzkuhl (22 Grad Wassertemperatur). Es reicht für ein schneelles Bad. 

Gefahrene Distanz: 22 km, inkl. 2 Schleusen(Motor: 3040 h).

Montag 31. Juli 2023, Ellbogensee-Neustrelitz: Nach der Konsultation des Wetterberichts passen wir die Routenplanung an. Viel Regen ist angesagt und wir haben noch etwa drei Reservetage in unserem Fahrplan nach Stettin. Diese setzen wir für einen Abstecher nach Neustrelitz ein.  

In Priepert verlassen wir den Ellbogensee und folgen der Havel, die sich durch eine einsame Wald- und Wiesenlandschaft windet. Dazwischen sind kleine Seen eingebettet. Vor allem talwärts sind Mietboote unterwegs. Bei denSchleusen Wesenberg (mit Schleusenmeister) und Vosswinkel (Selbstbedienung) rutschen wir mit minime Wartezeiten durch. Dann kommt das Nadelöhr der heutigen Etappe: die Eisenbahnbrücke bei km 89. Bereits bei der Einfahrt in den Kammerkanal hatte ein Warnschild auf die niedere Durchfahrtshöhe aufmerksam gemacht. 3,4 m sind in den Karten vermerkt. Die Brücke sieht nicht nur niedrig aus, sie ist es auch. Die Decksmannschaft muss im Nieselregen raus. Für den Komplettabbau benötigen nach den Intensivtrainings auf den französischen Kanälen in den vergangenen zwei Reisejahren nur noch ein paar Minuten. Kopf einziehen und durch, und danach geht es wieder blitzschenlle und das Dach ist wieder aufgebaut. 

Im Zierker See bietet empfängt uns eine spezielle Rundumsicht. Die Sicht ist durch das Nieseln eingeschränkt, gleichzeitig drückt die Sonne durch. Das Seewasser ist gelblich, die Ufer zeichnen sich als grüne Striche ab, und darüber bauen sich schwarze Wolken auf. Derr Wind frischt auf und wird böig. Droht ein Unwetter? Das Fahrwasser zum Stadthafen ist gut betonnt. Der unberechenbare Seitenwind macht das rückwärts Anlegen zwischen den Dalben ein wenig zur Glückssache. Doch der Hafenmeister und die Nachbarcrews geben Support. Leinen fest, Apérozeit. 

Gegen Abend löst Dauerregen das Nieseln ab. Jetzt stimmt der Wetterbericht wieder. Zuvor haben wir noch einen Stadtspaziergang geschafft. Neustrelitz beeindruckt mit einem riesigen Markptplatz, von dem sieben breite Strassen sternförmig wegführen. Im Hafen wurden alte Speicher und Lagergebäude zu Wohn- und Geschäftsräumen umgebaut. Das ist gut gelungen.      

Hafeninfis: Telefonische Voranmeldung empfehlenswert, hilfsbereit und freundliche Hafenmeister, Anlegen rückwärts zwischen Dalben, Duschen mit Spezialmünzen, WC ab 19 Uhr geschlossen (Türöffnung mit 20-Cent-Stück).

Gefahrene Distanz: 23 km, inkl. 2 Schleusen (Motor: 3043 h).

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Dienstag 1. August 2023, Neustrelitz-Menowsee: Daheim ist Feiertag, wir waschen und kaufen ein. Immerhin können wir kurz über den Nationalfeiertag reden, die Crew im Nachbarboot kommt auch aus der Schweiz. Das Wetter gibt sich völlig normal, es regnet somit mehrheitlich. "Willkommen in Norddeutschland", meint ein Fussgänger im Hafen. 

In der Schleuse Vosswinkel erleben wir eine seltene Begegnung, ein breites Bojenleger-Schiff der Wasserstrassenverwaltung kämpft sich durch den schmalen Kanal. Die Automatikschleuse reagiert nicht mehr auf die Eingaben der wartenden Sportschiffe. Die Laufschrift im Display informiert über Berufsverkehr mit Vorrang. Eine halbe Stunde lang geht weder berg- noch talwärts etwas. Nach der Ausfahrt des Behördenschiffs kommen dann endlich die Freizeitkapitäne wieder zum Zuge.

Eigentlich wäre heute ein entspannter Reisetag möglich. Die Strecke durch die verwinkelten Seen ist sehr schön (Woblitzsee, Drewen See, Wagnitz See, Grosser Priepert See). Doch der stete Regen von oben gibt keinen Anlass zur Freude. Erst nach der Einfahrt in den Ellbogensee lockert sich das dicke Grau am Himmel auf und der Regen stoppt. Wir fahren noch weiter bis in den Menowsee und ankern an derselben Stelle wie vor acht Tagen. 

Der 1. August-Abend wird doch noch schön. Zuerst gibt's ein Bad (21 Grad). Der Wind schläft ein, der See wird spiegelglatt. Wir gucken im Handy die Bundesfeierrede von Präsident Berset und warten auf das Feuerwerk, respektive den Aufgang des Vollmonds. Dieser taucht pünktlich auf, der Himmel ist nun fast wolkenlos. Ein prächtiges Bild, genauso schön wie knallende Raketen und feuerspeiende Vulkane.

Gefahrene Distanz:  29 km, inkl. 2 Schleusen (Motor: 3047 h).

Mittwoch 2. August 2023, Menowsee-Stolpsee: Die Morgensonne überrascht uns, steht vielleicht ein sonniger Tag bevor? Laut Wetterbericht soll es erst am Nachmittag regnen, also los. Bevor der Anker frei kommt, steht erneut das Abernten der Schwimmpflanzen aus der Kette bevor. Berge von Kraut haben sich verhakt. 

In der Schleuse Havelmühle wird gebaut. Zwei Kräne und ein Bagger stehen im Einsatz und rammen Spundwandprofile in den Boden. In die lamge Wartekolonne hat sich noch ein Berufsschiff eingefädelt, das kann dauern. Doch die erst im letzten Jahr ne eröffnete Schleuse ist breit und lang, und der Schleusenmeister ist auch ein Meister im Einparken. Er schachtelt den Schubleichter und die Boote perfekt, so dass wir auch noch mitkönnen. 

In der Schleuse Fürstenberg geht die Rechnung nicht mehr auf. Das Berufsschiff hat wiederum Vorrang, drei Boote inklusive NAJADE bleiben draussen. Bis jetzt scheint die Sonne, was das Warten versüsst, doch langsam verdüstert sich der Himmel wieder. Im Stolpsee erreichen wir gerade noch die Ankerbucht am Westufer, bevor der Regen einsetzt. Eigentlich möchten wir noch unser Gummiboot testen, das Aufblasen klappt, doch der Regen verhindert alle aweiteren Aktivitäten. Somit faulenzen wir bis zum Abendessen und warten auf besseres Wetter. Doch das kommt nicht. 

Gefahrene Distanz: 12 km, inkl. 2 Schleusen (Motor: 3049 h). 

Donnerstag 3. August 2023, Stolpsee-Zehdenick: Ein Tag, der fegt. Der Morgen beginnt hoffnungsvoll, die Sonne blinzelt zwischen den Wolken durch und strahlt Optimismus aus. Die Freude hält nur kurz an, bereits beim Morgentee setzt starker Regen ein. Wir tasten uns aus der Ankerbucht ins Fahrwasser und verlassen den Stolpsee Richtung Havel. Good bye Seenplatte, wir lassen die wunderschöne Landschaft im Rücken, knapp zwei erlebnisreiche Wochen liegen uns. Nur, das Wetter hat einfach nicht gepasst. 

Bei der Schleuse Bredereiche haben wir sozusagen freie Fahrt und auch bei der Schleuse Regow steht die Kammer schon offen. Allerdings ist weder ein grünes noch ein rotes Signal zu sehen. Die Leuchtschrift auf der Anzeigetafel ist dunkel, aber knapp noch lesbar: Stromunterbruch. Wir fahren ein und machen hinter einem Bunbo-Häuschen fest. Dessen Besatzung hat bereits der Leitzentrake telefoniert. Kurz später gehen die Leuchtsignale wieder an, und dann meldet sich die Schleusensteuerung im Normalbetrieb, alles wieder ok. 

Freie Fahrt in der Schleuse Zaren, und freie Fahrt in der Schleuse Schorfheide, heute werden wir echt verwöhnt. Doch dann kündigt sich das Unheil aus dem Westen an. Bedrohlich schwarze Wolken jagen heran, und urplötzlich ist die Hölle los. Die Gewittterwalze überrolt die Havel mit Sturmböen und heftigem Regen, die Sicht reicht noch knapp zur nächsten Flusssbiegung. Die Bäume links und rechts wanken, zwei Stämme brechen 100 Meter vor dem Bug, die Baumkronen kippen ins Wasser. Wir umschiffen das Hindernis und erstatten bei der Wasserstrassen-Behörden eine Meldung über die gefallenen Bäume, die bei km 19 etwa einen Drittel der Fahrwasserbreite blockieren. 

Für die Übernachtung legen wir wieder bei der Schlossmarina Zehdenick an, am gleichen Liegeplatz wie vor 13 Tagen. Eine der kurzen Aufhellungen nutzen wir für eine Velofahrt zum Zisterzienserinnen-Kloster Zehdenick. Rund 800 Jahre alte Mauern des ehemaligen Dormitoriums stehen noch, daneben gruppieren sich die neuern Bauten. Sehenswert ist der klösterliche Kräutergarten, der viele Heilpflanzen vorstellt.

Am Abend feiern wir den offiziellen Eintritt ins AHV-Alter von Karin. Die erste Rente ist auf ihrem Konto eingetroffen. Wir sind in die Pizzeria am Hafen eingeladen. 

Gefahrene Distanz: 39 km, inkl. 4 Schleusen (Motor: 3054 h).

Freitag 4. August 2023, Zehdenick-Marienwerder: In der Nacht hat sich das Wetter beruhigt, respektive gebessert. Am Morgen bläst der Wind noch ein bisschen, die Sonne zeigt sich so oft wie seit langem nicht mehr. Wir erwarten einen trockenen und milden Reisetag.

Via Elwis-Nachrichtendienst erfahren wir, dass die Obere Havel Wasserstrasse bis auf weiteres gesperrt ist. Zu unserer Meldung von umgestürzten Bäumen sind noch etliche weitere dazugekommen. Die Annahme, dass nun weniger Schiffe talwärts fahren, erweist sich als falsch. Im Grossraum Berlin steht das Ferienende bevor, die Bootfahrer streben heimwärts, am Montag ruft die Arbeit wieder. Weil ein Behördenschiff die Selbstbedienungsschleuse Zehdenick für Talfahrer blockiert, nimmt der Rückstau stetig zu. Am Schluss sind wir zu zwölft, aber alle finden in der grossen Kammer Platz. 

Wie es der Zufall so will, kennen wir einige der Crews bereits. Mit zwei von ihnen sind wir vor zwei Wochen schon einen Tag lang unterwegs gewesen. und ab und zu haben wir uns auch in Häfen getroffen. Die zwei Familien nutzen die Schleusenpausen für das Leeressen der Vorräte und das Leertrinken der flüssigen Lagerpositionen. In Zehdenick gibts Kaffee, in Bischofswerder Sandwiches und in Liebenwalde folgen kalte Raviolis aus der Dose, immer begleitet von einem kühlen Hellen. 

Bei der Einmündung in die Havel-Oder-Wasserstrasse sind wir fast die einzigen, die Richtung Stettin einbiegen, der Rest der Flotillie wendet sich Berlin zu. um Abschied gibt's ein Gehupe, wer weiss, ob man sich wieder begegnet. Bis Marienwerder führt der Kanal geradeaus nach Osten. Nach mehr als einer Stunde folgt dann eine erste kleine Kurskorrektur. Dann erlöst nach einer weiteren Stunde später die Hafeneinfahrt Marienwerder von der Geradeausfahrerei. Der Empfang in der Marina Marienwerder ist sehr freundlich. Wir bestellen Brötchen für den nächsten Morgen. Für das Abendessen haben wir uns die "Gaststätte zum Goldenen Anker" ausgewählt. Sie liegt am Finow-Kanal etwa eine halbe Stunde entfernt. Der Finow-Kanal wäre eine schöne Alternative zur Schiffsautobahn Havel-Oder-Wasserstrasse. Doch das NAJADE-Verdeck müsst häufig abgebaut werden, und momentan ist der Kanal sowieso gesperrt.

Gefahrene Distanz: 33 km, inkl. 3 Schleusen, (Motor: 3058 h).

Samstag 5. August 2023, Marienwerder-Oderberg: In der Marina Marienwerder ist NAJADE nicht das einzige Schiff mit Schweizer Flagge. Neben uns liegt die FABROSO, eine wunderschöne Linssen. Wir tauschen Infos über Häfen und Reisepläne aus und erhalten Seekarten für die Ostsee, und ganz wichtig, eine polnische Gastflagge.

Der Brötchenservice am Morgen klappt vorbildlich. Die Papiertüte für uns ist mit einer netten und persönlichen Botschaft der Hafenmeisterin markiert. Wir füllen Wasser auf und legen dann ab. Die Sonne scheint, jawohl, erst am späten Abend soll es wieder Niederschläge geben.

Die Havel-Oder-Wasserstrasse beeindruckt mit ihrer Grösse. Doch auf dem überbreiten Kanal begegnen wir keinem einzigen Berufsschiff. Je näher wir dem Tal der Oder, desto häufiger tauchen am Ufer Industrie- und Fabrikhallen auf. Berge von Baustämmen türmen sich neben einem Werk für die Herstellung von Heiz-Pellets. Vermutlich könnte man mit dem Ausstoss dieser Fabrik die halbe Schweiz mit Holzbrennstoff versorgen.

Das Schiffshebewerk Niederfinow ist der technische Höhepunkt unserer Sommerreise. Nach der Anmeldung über Funk werden wir zum alten Hebewerk geleitet. Ein Koloss aus vernieteten Stahlträgern hält die riesige Badewanne, in die wir nach ein paar Minuten Wartezeit hinter einem Passagierschiff und einem Sportboot einfahren können. 36 Meter geht die Fahrt in die Tiefe. Die Aussicht von oben ins Oder-Tal ist überwältigend, dann sinken wir nach unten. Die vielen Zuschauer, die von oben die Mechanik des Hebewerks bestaunen, werden kleiner und kleiner. Nebenan geht der Trog des neuen Hebewerks mit einem Frachter nach oben. Statt Stahl dominiert in der neuen Anlage Beton. Über eine halbe Milliarde € wurden in den Neubau investiert. 

Die Marina Oderberg liegt ausserhalb des Örtchens. Wir nutzen den regenfreien Nachmittag für einen Spaziergang durch den nahen Naturpark und eine Velorundfahrt zur Doppelschleuse Hohensaaten. Von dort ist man gleich an der Oder, dem Grenzfluss zu Polen. Unterwegs gibt es viel zu sehen, unter anderem auch ein Lama.

Zum Hafen gehört ein Restaurant mit einem überschaubaren Menüangebot von Currywurst bis Schnitzel. Fünf Tische sind besetzt, doch der Küchenchef kocht an der Kapazitätsgrenze. Tisch für Tisch arbeitet er die Bestellungen ab. Nach anderthalb Stunden sind wir dann dran. Schlecht gegessen haben wir nicht, aber sehr günstig. 65 € weist die Rechnung unter dem Strich aus, inklusive einer Flasche Rotwein, drei Espressos und Bier und Wasser. 

Gefahrene Distanz: 32 km, inkl. Schiffshebewerk Niederfinow, (Motor: 3062 h).

Sonntag 6. August 2023, Oderberg-Stolpe: Heute regnet es offensichtlich nur einmal. Der Wetterbericht und unsere Einschätzung sind deckungsgleich. Das Grau am Himmel ist flächendeckend ohne jegliche Schattierung, geschweige den Aufhellungen. Beim Anmelden im Hafenmeisterbüro haben wir Brötchen bestellt. Deren Produktion liegt offenbar in der Verantwortung des diensthabenden Kochs von gestern Abend. Es wird zehn Uhr, bis die Lieferung erfolgt. Das Geschirr vom Morgenessen haben wir schon längst abgewaschen. Die Brötchen von heute werden nun morgen gegessen. 

In Hohensaaten steuern wir die Westschleuse an. Sie führt 90 cm abwärts. Die Ausfahrt liegt nur noch 1,5 m über dem Meeresspiegel. Die Ostschleuse hingen führt fast zwei Meter aufwärts in die Oder. Der Fluss liegt hier auf einer höheren Ebene als der Kanal (Hohensaater-Friedrichsthaler-Wasserstrasse). Bis Friedrichsthaler, wo der Kanal in die Westoder mündet, ist das Gefälle durch den frei fliessenden Fluss abgebaut. Die Schleuse Hohensaaten ist die letzte Schleuse auf der Fahrt von Rheinfelden in die Ostsee. Juhui, das würden wir gerne feiern, doch der Dauerregen vermiest uns die Festfreude. Statt kühlen Weisswein an Deck gibts heissen Kaffee in der Stube. 

Zwei polnische Berufsschiffe kommen uns heute entgegen, und eine handvoll Sportschiffe. Als Übernachtungsort wählen wir die Anlegestelle Stolpe (keine Servicedienstleistungen). Da es weiterhin regnet, verkürzen wir uns die Zeit mit Spaziergängen, Apéros und Mittagsschläfchen. 

Gefahrene Distanz: 12 km, inkl. 1 Schleuse (Motor: 3064 h).

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Montag 7. August 2023, Stolpe-Schwedt: Endlich wieder einmal ein schöner Reisetag, was das Wetter angeht. In der Ncht hat es sich ausgeregnet, am Morgen ist es trocken, und die Sonne scheint sogar ab und zu. Die Temperaturen beginnen zu klettern und wir fahren los. Es wird eine kurze Etappe geben, nach Schwedt. Dort wollen wir nochmals auf deutschem Boden einkaufen und vor allem grosse Tasche Pfand-PET-Flaschen loswerden. 

Kurz vor dem Ziel frischt der Wind auf. Das angekündigte Sturmtief Zacharias hat das Oder-Tal erreicht. Wir können in der Zufahrt zum Hafen PCK Schwedt auf der Seite des Wassersportzentrums StroamCamp festmachen. Dort sind die Liegeplätze für Boote über 3,5 m Breite reserviert. Flusseitig stehen schmalere Plätze mit Dalben zur Verfügung. Der starke Seitenwind hätte das Einparken dort schwierig gemacht. 

Der Hafenmeister empfängt uns sehr freundlich. Für den Zugang zu Tolietten, Duschen und Waschmaschinen erhält man eine Chipkarte. Sogar zwei Backöfen liessen sich damit nutzen. Die ganze Anlage macht einen sehr guten Eindruck. 

Die Stadt Schwedt überrascht durch ihre schön zurechtgemachten Strassen und Häuserzeilen. Im Zweiten Weltkrieg wurden vier Fünftel der Liegenschaften zerstört. In der DDR-Zeit wurde vieles wieder im alten Stil aufgebaut. Dazwischen trifft man aber auch auf klassische Plattenbauten. Der Mix ist sehenswert, wir spazieren durch die Stadt und staunen. Vor allem das Theater verblüfft. Von Weitem sieht man einen Glasbau mit farbigen Stahlelementen. Aus der Nähe entpuppt sich das Ganze als Betonquader, der fotorealistisch bemalt ist. Auch im Zentrum finden sich riesige Wandmalereien, die unter anderem eine schmale Gasse oder eine Fassade vortäuschen. Brunnen mit Bronze-Skulpturen und Wasserspielen sind ein weiteres Wahrzeichen der Stadt. Das grösste Bauwerk von Schwedt sehen wir nicht. Hier steht eine der grössten Raffinerien von Deutschland. Sie verarbeitet das Öl aus den Pipelines aus dem Osten und läuft wegen des Ukraine-Kriegs und der Russland-Sanktionen nur auf Teillast. Die Auslastung steigt jedoch schon wieder an, und künftig will man ein neues Standbein in der Produktion von Wasserstoff aufbauen.  

Gefahrene Distanz: 16 km, (Motor: 3066 h).

Dienstag 8. August 2023, Schwedt-Stettin: Der starke Wind bläst auch am Morgen und es ist recht kühl. Schwedt scheint eine Ruderhochburg zu sein. Am Steg des Ruderclubs wärmen sich junge Sportlerinnen und Sportler auf, um zu trainieren. Sie gehen einzeln im Kajak-Canadier aufs wellige Wasser. Dabei ist ein Bein ausgestreckt, mit dem zweiten kniet man im Kajak. Das sieht wackelig aus, ein guter Gleichgewichtssinn ist gefragt. Wir warten auf eine Lücke im grossen Feld der Padler und legen dann rückwärts mit Querwind ab.

Der letzte Reisetag der dritten Etappe beginnt. Wir werden Deutschland verlassen und in Polen einfahren. Das Tagesziel liegt in Stettin, wir haben in der Marina Dabie im Hafen Jachtowy einen Liegeplatz für sechs Wochen reserviert. Die Marina befindet sich am Südostufer des Sees Male Dabie. Die Zufahrt zum Hafen ist unklar. Die eine Route führt über die Westoder durch Stettin. Das Problem dabei: Zwei Eisenbahnbrücken mit ca. 3.5 m Durchfahrtshöhe sind nur mit abgebautem Verdeck passierbar. Route 2 wechselt via Klutzer Querfahrt in die Ostoder. Navigationskarte und Revierführer machen auf die Eisenbahnbrücke Podjuchy-Stettin aufmerksam. Die Durchfahrtshöhe wird mit knapp 3 Metern angegeben, das Brückenelement am Westufer lässt sich jedoch hochklappen. Eine Passage ist nur nach telefonischer Voranmeldung möglich, und nur während kurzen Zeitfenstern. 

Bei Recherchen im Internet stossen wir auf neue Informationen. Demnach wurde die Podjuchy-Eisenbahnbrücke im Frühling 2023 abgebrochen und durch einen 6.2 Meter hohen Neubau ersetzt. Ob das korrekt ist, lässt sich nicht verifizieren. Deshalb konsultieren wir über Funk die Brücke eines überholenden Arbeitsbootes der Wasserstrassen- und Schifffahrtsverwaltung. Ja, er habe auch Ähnliches gehört, meldet der Kapitän zurück, doch sicher sei er in der Sache nicht. Die Westoder stehe unter polnischer Verwaltung, aktuelle Nachrichten über die Befahrbarkeit der Oder würden den deutschen Behörden nicht übermittelt. Für mehr Klarheit sorgt der holländische Kapitän des Flusskreuzfahrtschiffes FREDERIC CHOPAIN. Freundlich nimmt er unsere Anfrage entgegen und bestätigt den Abbruch und den Neubau der Eisenbahnbrücke. Er fahre auch dort durch, wir sollen ihm einfach folgen.

Das klappt bestens. Das weisse Heck von FREDERIC CHOPIN verschwindet zwar nach und nach zwischen Bäumen und Dämmen, auf dem Plotter bleibt die AIS-Spur jedoch sichtbar. Wir biegen in den Verbindungskanal zur Ostoder ab, und sehen bald die hohen Kräne der Baustelle der neuen Eisenbahnbrücke. Die Fahrrinne ist vorbildlich signalisiert, NAJADE passt gut unten durch. Von der alten Brücke ist nur noch die Eisenkonstruktion der Klappbrücke zu sehen. Sie soll als historischer Zeitzeuge stehen bleiben.

Die Ostoder ist der Hauptfluss, breit und träge fliesst der Strom Richtung Ostsee. Links taucht die Silhouette von Stettin auf, und vor dem Bug erwarten uns in den seitlichen Hafenbecken die ersten Meerschiffe. Sehr eindrücklich! Wir biegen in den schmalen Kanal Richtung Male Dabie ab. Am Himmel braut sich Ungemach zusammen. Schwarze Wolken jagen aus dem Westen heran, das sieht nach Gewitterfront aus. Wir sind zum Glück kurz vor dem Hafen, heftige Böen bauen innert Minuten ruppigen Seegang auf. Die Wellen tragen nun weisse Schaumkronen. NAJADE stampft und rollt, für uns sind solche Verhältnisse an Bord eines Motorschiffes Neuland. Hinter der Mole nimmt das Geschaukel schnell ab, der Sturm tobt weiter und es beginnt heftig zu regnen. Wir rufen den Hafenmeister an, jemand nimmt ab, und erklärt uns auf Polnisch den Weg... Sprachlich kommen wir nicht weiter, aber wir verstehen, dass uns am Ufer jemand zuwinken wird. Tatsächlich, da steht ein Mann unter einem Baum und schwenkt die Arme. Er lotst uns in alte Hafenbecken, Leinen fest, wir schnaufen auf.

Gefahrene Distanz: 55 km, (Motor: 3072 h).

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Mittwoch, Donnerstag 9./10. August 2023, Stettin, Marina Dabie: In Polen läuft alles ein wenig anders als gewohnt. Ende Juli haben wir per Mail mit dem Hafenmeister auf Deutsch kommuniziert. Doch im Hafenbüro spricht niemand Deutsch. Der sprachkundige Manager komme erst morgen, heisst es heute. Wir würden dann einen neuen Liegeplatz an einem der Stege erhalten. Die Marina scheint relativ neu zu sein, beim Unterhalt happert es aber. Der Weg ins Sanitärgebäude führt durch hohes Gras. Toiletten und Duschen sind sehr einfach gehalten, funktionell, aber nicht ein Vorbild in punkto Sauberkeit. Von aussen sieht das Hafenbüro baufällig aus, doch das täuscht. An einer Wand hängt ein riesiger Flachbildschirm. Er zeigt im Überblick die Bilder von einer Unzahl von Überwachungskameras auf dem Areal. Sobald sich irgendwo etwas bewegt, poppt das entsprechende Bild in Grossformat auf. Rund um die Uhr befindet sich ein Wachmann vor Ort. Und tatsächlich, wenn man mitten in der Nacht aufs WC schleicht, kommt wenig später eine Patrouille beim Schiff vorbei. 

Der Manager erscheint wie abgemacht. Er spricht Englisch und ein wenig Deutsch. Den gemeinsamen Mailverkehr hat er nicht mehr in Erinnerung, und in seinem Mailprogramm findet er nur unsere Anfrage, aber nichts von seiner Antwort und nichts von seiner Offerte. Wir verhandlen nochmals über den Preis, und einigen uns schliesslich auf einen "sehr günstigen" Zweimonatsvertrag für 2000 Zloty (400 Franken, inklusive Strom und Wasser, Kurtaxe, Entsorgungsgebühr, Duschen, Toiletten und Steuern). Das ist nicht mehr so günstig, wie versprochen, aber immer noch günstig. Das Taxi für den nächsten Tag für den Transfer zur Flixbus-Haltestelle wird ebenfalls gleich organisiert. 

Für den Stadtrundgang setzen wir auf den Bus. Die Haltestelle ist etwa eine Viertelstunde entfernt. Gleich daneben findet sich ein kleines Einkaufszentrum mit einem Geldautomaten. Wir beziehen 200 Zloty (etwa 45 Franken) und erhalten zwei Hunderternoten. Damit wollen wir den Einkauf von vier Brötchen bezahlen, doch die Frau an der Kasse verwirft die Hände über dem Kopf und fällt fast in Ohnmacht. Zu grosse Scheine, nur Kartenzahlung sei möglich. 

An der Busstation informieren Leuchtschriften über die Abfahrtszeiten, doch die Zielangaben in Polnisch sind für uns wenig hilfreich. Eine junge Frau nimmt sich unser an, sie kann zwar kein Deutsch oder Englisch, aber ihr Handy wird zum Übersetzer. Sie lässt uns wissen, dass sie auch ins Stadtzentrum fahre und sie uns begleite. So klappt das bestens, inklusive Wechsel vom Bus ins Tram. Das Ticket lösen wir online per App, auch das funktioniert.

Stettin ist eine sehr schöne Stadt, Es wird momentan sehr viel gebaut (unter anderem neue Tramlinien beim Hauptbahnhof), man spürt Aufbruchswille und Innovationskraft. Rote Markierung am Boden siganlsieren die Wege zu den Sehenswürdigkeiten.  Wir klettern auf den 

Freitag 15. September 2023, Stettin-Stepnica: Back to NAJADE, der Badenfahrt-Heimaturlaub war toll, doch jetzt freuen wir uns auf die finale Etappe unserer Reise 2023. Bis zum Flughafen Berlin sind wir mit dem Auto gefahren. Dort steht der Wagen nun bis auf weiteres auf dem Low-Budget-Parkfeld P107 (ca 90 € pro Monat) Von Lübeck aus werden wir das Auto mitte Oktober nach Mölln überführen, damit wir beim Auswassern und Einwintern mobil sind. Der Parkplatz auf dem Flughafen Berlin-Brandenburg ist optimal gelegen. Gleich neben der Parkfläche befindet sich eine Haltestelle des Pewrsonalbusses. Wenn man freundlich fragt, darf man mitfahren. So erreicht man in ein paar Minuten das zentrale Flughafen-Busterminal, wo wir in den Flixbus nach Stettin wechseln. Die letzte Etappe möchten wir mit dem Taxi vom Hauptbahnhof Stettin in die Marina absolvieren. Doch der Fahrer schüttelt den Kopf, dort wo wir hin möchten, habe es keinen Yachthafen, meint er. Dann fährt doch los, und wir lotsen ihn zum Ziel. Die Marina sei neu, begründet er seine Zweifel, und nicht auf allen Plänen und Karten verzeichnet.

NAJADE hat die Pause bestens überstanden. Alles an Bord funktioniert. Unsere Abwesenheit haben hunderte von Spinnen genutzt, um das Schiff zu erobern. Wir kämpfen uns durch die Netze, lüften ausgiebig und schliessen dann den sehr langen Reisetag mit einer Flasche Rotwein ab. 

Der Freitag beginnt neblig und feucht, doch die Sonne räumt schnell auf und es wird sommerlich heiss. Die Seenlandschaft zwischen West- und Ostoder ist wunderschön. Hübsche kleine Leuchtürme markieren das Fahrwasser und die wichtigsten Navigationspunkte. Die ersten grossen Seeschiffe kommen uns entgegen und bis zum Horizont ist nur noch Wasser zu sehen. Der Wind riecht nach Salz, Ostseeluft! Ins Stettiner Haff geht es erst morgen. Heute drehen wir bei km 41 (rot-grüne Tonne)  nach Osten ab und folgen dem Fahrwasser bis nach Stepnica. 

Zuerst steuern wir die Tankstelle im Binnenhafen an. Sie ist Teil einer Selbstbedienungs-Strassentankstelle und führt biofreien Diesel. 486 Liter passen in die Tanks. Das Zählwerk zeigt den Betrag von 3391.00 an, nein, nicht Euro, sondern Zloti. Der Liter kostet umgerechnet 1.46 Fr. Das ist echt günstig. Bezahlt wird mit Karte. Zehn Minuten später liegen wir im benachbarten Stadthafen fest und geniessen den ersten Apéro. Stepnica ist ein guter Ort zum Einkaufen und Bunkern von Vorräten. Zum Supermarkt sind es etwa 10 Minuten zu Fuss. Am Abend sitzen wir in der Hafenkneipe zu Tisch (Selbstbedienung). Auf der Menükarte wählen wir Fisch. Er wird lokal gefangen und ist ein Genuss. 

Hafeninfo: Relativ neue Steganlage, keine Voranmeldung nötig, Hafenmeisterbüro bis 22 Uhr besetzt, Strombezug mit Chipkarte und Prepaid-Aufladung, saubere Toiletten und Duschen. 

Gefahrene Distanz: 31 km, (Motor: 3076 h). 

Samstag 16. September 2023, Stepnica-Swinemünde: Am Morgen bestätigt der 8.20-Uhr-Wetterbericht des Deutschen Wetterdienstes die günstige Prognose vom Vortag, Windstärke 3, Wellenhöhe 0,5 Meter. Die Fahrt durchs offene Stettiner Haff ist unter diesen Bedingungen problemlos. Wir legen kurz nach 9 Uhr in Stepnica ab, bei herrlichem Reisewetter mit Sonne und wolkenlosem Himmel. Der Wind kommt von hinten, somit ist es an Deck angenehm warm. Das Fahrwasser in Richtung Ostsee ist mit Leuchtfeuern und Bojen bestens markiert. Bis zum Horizont reihen sich die Türme und Baken in einer Reihe auf, erstmals auf unserer Reise ist vor dem Bug kein Land mehr zu sehen. Die Fahrt quer über das Haff ist navigatorisch nicht sehr anspruchsvoll, es geht drei Stunden nur geradeaus.

Kaum spürbar nimmt der Wind stetig zu, und damit werden auch die Wellen höher. Sie rollen von hinten heran und verabschieden sich am Bug mit einem Rauschen. NAJADE wiegt sanft mit den Wellen mit, Möwen kreisen um das Schiff, so wird man schnell schläfrig. Erst bei der Einfahrt in den Kanal nach Swinemünde stellen wir fest, wie kräftig der Seegang unterdessen geworden ist. Im geschützten Kanal wird die See schlagartig glatt, und NAJADE, die vorher ein wenig torkelte, fährt nun wieder ganz ruhig. Die Wellen haben auch Speed gekostet. Jetzt klettert die Anzeige auf 10,5 km/h, im Seegang blieb sie bei 9,3 km/h hängen. 

Die nächste Stunde wird spannend. Swinemünde empfängt uns mit einem regen Hafenbetrieb. Frachter und riesige Skandinavien-Fähren legen hier an, und kleinere Autofähren verbinden im kurzen Takt die beiden Ufer. Zudem hat die polnische Marine hier einen Stützpunkt. Ein Seenotkreuzer liegt einsatzbereit am Pier, Lotsenboote, Zoll, Grenzschutz, die ganze Palette von schwimmenden Behördenbooten zieht an uns vorbei.

Wir legen im Yachthafen an, längs am Westpier. Der Platz entpuppt sich als gute Wahl. Duschen und Toiletten befinden sich direkt neben unserem Liegeplatz in einem roten Steingebäude. Strom und Wasser sind auch nahe. Türöffner für die Dienstleistungen ist ein simpler Pin-Code. Diesen übermittelt der Hafenmeister per SMS und Mail. Enthalten im Code sind Zugang zum Sanitärgebäude, die gewünschte Anzahl Duschvorgänge, das Freischalten der Strom- und Wassersäule (Prepaid). Das Ganze funktioniert leidlich gut, solange das Hafenbüro seine Arbeit gut erledigt. Manchmal gehen Duschen und Strom vergessen...... Der Landstrom verweigert den Zugriff. Also nochmals zurück zum Hafenmeister. Zwei Clicks am Computer, und nun ist auch die Stromversorgung aktiv. Wir benötigen pro 24 h etwa 3-4 kWh. Die digitale Stromsäule hat eine clevere Funktion: Sobald der Stecker am Stromverteiler entfernt wird, oder die Stromversorgung unterbrochen ist, erhält man per SMS eine Warnung. 

Hafeninfo: Beliebter Stopp für Segler, erst gegen Abend füllen sich die Liegeplätze, bester Anlegeplatz ist die Nordmole, Hafenkino ist mit den einlaufenden Fähren aus Schweden (Trelleborg) garantiert, in der Nacht Lärm durch den nahen Hafenbetrieb. 

Gefahrene Distanz: 42 km, (Motor: 3081 h).

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Montag 18. September, Swinemünde-Ueckermünde: Den Sonntag verbringen wir sportlich. An der Velomietstation (Baltic Bike, 15 Min. zu Fuss durch den Park) steigen wir auf auf solide Tourenräder um. Die Velos sind gut gewartet und bieten mit einer 7-Gang-Nabenschaltung genug Auswahl für die flache Topografie. Flache Topografie? Tja, einige Anstiege sind überraschend knackig. Ab dem Seebad Bansin beginnt eine Art Steilküste mit einer Gipfelhöhe von immerhin 80 Metern.... Bei der Velotour ist das Mitführen von Pass oder ID Pflicht, kurz nach Swinemünde passieren wir die Landesgrenze zwischen Polen und Deutschland.

Wir rekognoszieren den Hafen Stagniess, ein möglicher Übernachtungsort in den kommenden Tagen. Dort steht eine Imbissbude mit dem Slogan "Am Ende der Durststrecke". Ein Verpflegungshalt ist somit Pflicht, zum Bier werden Fischbrötchen und Currywurst serviert. Der Hafen selber ist kleinräumig, aber ruhig. Für NAJADE stehen die Dalben etwas eng, aber irgendwie würde es sicher passen. 

Pünktlich geben wir die Räder um 18 Uhr zurück, 40 Kilometer Berg- und Talfahrt liegen hinter uns. Von Saisonschluss ist in den Ostseebädern noch nichts zu spüren. Vorwiegend Senioren nutzen die touristischen Dienstleistungen von Wellness bis Sanatorium, inklusive kuscheliger Strandkörbe und nostalgisch gestalteten Seebrücken. Weil Sonntag ist, finden überall Konzerte statt. Gespielt und gesungen werden vor allem Schlager, Schunkel- und Seemannslieder und Evergreens, von Richard Kleiderschrank über Freddy Quinn ("Junge komm bald wieder") bis hin zu Filmmelodien wie "Doktor Schiwago". Schön und gut, doch wir fühlen uns zu jung, um länger zuzuhören. 

Für die Planung der Montagsroute konsultieren wir aus ausgiebig den Wetterbericht. Kamminke auf der Insel Usedom oder Ückermünde auf dem Festland gegenüber stehen zur Wahl. Der Wind wird auf Südost drehen und 4 Beaufort erreichen, mit Wellen bis 0,5 Meter Höhe, so die Prognose des Deutschen Wetterdienstes. Alles palletti. Die Sonne scheint, wir legen ab und steuern durch den Swine-Kanal in Richtung Süden wieder ins Stettiner Haff. Es sind etliche Segelyachten vor uns im Fahrwasser, schön hintereinander aufgreiht passieren wir ein Polizeiboot, das quer im Fahrwasser steht, von einer Kontrolle aber absieht. Je näher wir dem offenen Haff kommen, umso stärker bläst uns der Wind auf die Nase. In der Ausfahrt schaukelt es schon ordentlich, und als NAJADE im Kielwasser der Segler nach Westen abdreht, kommt zusätzlich noch ein kräftiges Rollen dazu. Unten in der Kabine scheppert es, die Espresso-Tassen haben ihren angestammten Platz verlassen. Präventiv räumen wir mal alles ab und stellen die Dinge auf den Boden. 

NAJADE bockt, kippt nach links und rechts, mitsamt den Stühlen rutschen wir gegen die Reling, mit dieser Massage sind die Muskelverspannungen der Velotour vom Vortag schnell vergessen. Da der Südwestwind direkt in die Buch von Kamminke bläst, ist dort Schwell zu erwarten. Wir entscheiden uns für das Tagesziel Ueckermünde und fahren einen südwestlichen Kurs. Je näher wir der Landabdeckung kommen, umso verträglicher wird der Seegang. Die ruppige Überfahrt zeigt, dass NAJADE mit ihrer Inneneinrichtung nur bedingt seegangtauglich ist. Die Schranktüren müsseten gesichert werden, und an den Tablaren dahinter werden wir Netze montieren, damit nichts herausfällt. 

Im Stadthafen von Ueckermünde ist vom Wind fast nichts mehr zu spüren. Wir legen längs am Westquai an. Der Hafen befindet sich mitten im Stadtzentrum, mit einer wunderschönen Kulisse rundherum. Der freundliche Hafenmeister passt bestens dazu. 

Hafeninfo: WC/Duschen im EG des Stadthauses/Infobüro, Duschen: 50 Cents für 6', ab 20 Uhr sind die WC's geschlossen (Zugang zur Behindertentoilette mit 50-Cents-Münze).

Gefahrene Distanz: 22 km, (Motor: 3086 h).

Mittwoch 20. Sepetember 2023, Ückermünde-Usedom Stadt: Wenn man über das Wetter Auskunft möchte, dann fehlt es nicht an Informationen. Der Deutsche Wetterdienst sagt für Dienstag Starkwind mit Böen bis 6 bf voraus, die diversen Apps wie Windy pflichten bei, und der Hafenmeister in Ückermünde doppelt nach: "Wenn ihr durchgeschüttelt werden wollt, dann geht raus, ich würde es lassen." Wir befolgen den Rat und bleiben. Der Ruhetag teilt sich auf Velofahren und Fischbrötchen essen auf, beides sehr entspannende Aktivitäten, die sich bestens ergänzen. Der Ruhetaqg geht somit ziemlich schnell über die Bühne.

Für heute Mittwoch verspricht der Wetterbericht ab Mittag abflauenden Südwind mit Wellen von 0,5 Metern. Ideal für einen Hüpfer nach Usedom in den Stadthafen. Also wieder zurück ins Stettiner Haff. Die Fahrrine ist mit Bojen gut markiert, man kann auch ausserhalb fahren, doch Vorsicht! Überall lauern Stellnetze. Diese sind zwar mit roten Fähnchen markiert, doch meistens wird dadurch nicht klar signalisiert, wo das Netz beginnt und wo es aufhört.
 

Die Überfahrt überstehen wir bestens. Der Hafen von Usedom ist nur zur Hälfte belegt. Nach dem Anlegen sitzen wir an der Sonne, Weisswein auf dem Tisch, und eigentlich würde jetzt ein Fischbrötchen dazu bestens passen, doch weit und breit ist keine Imbissbude zu sehen. Übrigens: die Marina Seezentrum Usedom glänzt mit Hightech. Der aktuelle Stromverbrauch lässt sich auf dem Handy ablesen und man kann das Prepaidkonto jederzeit online nachladen. 

Hafeninfo: Sehr freundlicher Hafenmeister, wir haben uns telefonisch angemeldet, Stege haben jetzt, in der Nebensaison, viele freie Plätze, bei der Anmeldung wird ein Code per SMS übermittelt. Er öffnet die Türen im Sanitärgebäude und aktiviert die Stromsäule (Duschen 3 €).

Gefahrene Distanz: 22 km, (Motor: 3089 h).
 

Donnerstag 21. September 2023, Usedom-Zinnowitz: Am späten Nachmittag ist in Zinnowitz eine klassische Frage zu klären: Soll man nach dem erfolgten Anlegen den Liegeplatz nochmals wechseln? 

Der Reihe nach. Das Wetter ist perfekt, kühle Nächte zum gut Schlafen, und tagsüber so warm, dass einem die Sonne schnell zu einem Nickerchen animiert. Wir schreiben Zinnowitz als Tagesziel ins Logbuch. Das ergibt laut Navionics etwa 4 Stunden Fahrzeit.

Wir satteln am Morgen die Velos und besuchen die Usedomer Käserei. Der Käser hat in der Schweiz sein Handwerk gelernt und produziert jetzt Usedomer Bergkäse. Wir kaufen ein rechtes Stück und nehmen dazu noch eine Flasche Chardonnay aus Baden-Würtemberg nach draussen zum Tisch unter dem Nussbaum. So gestärkt machen wir uns auf den Weg Richtung Zinnowitz.

Im Peenestrom beruhigt sich der laue Seegang vollends. Kurz nach fünf tuckern wir gegen die Marina und rufen präventiv die Hafenmeisterin an. Sie rät uns, Aussen an der Mole anzulegen, da NAJADE mit ihren bauchigen 4 Metern Breite eher nicht zwischen die Dalben im Hafenbecken durchpasse. Also binden wir uns Aussen fest, an einer spundwandähnlichen Mauer, in der die dicken Fender bei der kleinsten Welle gleich verschwinden, egal wie man sie positioniert.

Bereits lockt das Anlegebier in der Hafenkneipe "Kombüse 3", doch irgendwie gefällt uns der Aussenliegeplatz nicht. Im Bauch macht sich ein schlechtes Gefühl breit. Umparkieren?

Ja, wir lösen die Leinen und bugsieren unsere Dicke im Hafenbecken zentimetergenau zwischen den Dalben durch. Alles passt. Wir haben zwar eine halbe Stunde verloren, aber dafür einen sicheren Liegeplatz gewonnen. Aus dem Bier in der "Kombüse 3" wird ein exzellentes Nachtessen. Wir werden heute sehr gut schlafen.

Gefahrene Distanz: 42 km, (Motorstunden: 3094 h). 

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Samstag 23. September 2023, Zinnowitz-Karlshagen: Den Freitag haben wir im Sattel verbracht. im Hafen Zinnowitz befindet sich eine Veloverleihstation des Tourismusverbunds Mecklenburg-Vorpommern (MV Rad). Station Nummer 1 ist Zinnowitz. Dort befindet sich am Ende der Seebrücke eine Taucherglocke, mit der man etwa 3 Meter ins Ostseewasser abtauchen kann. Zu sehen gibts vermutlich nichts Spektakuläres. Wir machen rechtsumkehrt, statt in die Tiefe wollen wir in die Höhe und steigen ins Lift-Café. Bei einem Glas Rosé hebt sich die Gaststube 15 Meter in die Höhe, was im Endeffekt 25 m. ü. M. ergibt. Die Aussciht ist beeindruckend, am Horizont zeichnet sich Rügen ab, und im Osten sieht man fast über Swinemünde hinaus nach Polen. Dazu erzeählt der Kellner Geschichten über das Inselleben. Die Lift-Fahrt ist echt empfehlenswert.
 
Nun ist Samstag. Herbstbeginn, und schon fallen die Temperaturen. Ein kalter Westwind bläst über das Achterwasser und zieht Schaumspuren mit sich. Die weissen Linien zeichen ein schönes Muster aufs Wasser, der Seegang hält sich in angenehmen Grenzen.
Doch dann verdunkelt sich der Himmel und Wolgast Radio warnt vor Böen bis 7 bf. Nun sieht plötzlich alles nicht mehr so geruhsam aus. Doch der bedrohliche, optische Eindruck täuscht. In Wirklichkeit nehmen Wind und Wellen ab, je tiefer wir in den Peenestrom einfahren.
In Wolgast weht nur noch laues Lüftchen. Die Hebebrücke ist ausser Betrieb. Für uns kein Problem, für das entgegenkommende Flusskreuzfahrtschiff SANS SOUCI hingegen schon. Die Crew muss sämtliche Aufbauten auf dem Sonnendeck abräumen und das Steuerhaus versenken, um unter der geschlossenen Brücke durchzukommen.

Wir machen in Karlshagen längs am Pier vor dem Hafenmeisterbüro fest (reserviert für Schiffe breiter als 3.7 m). Karlshagen ist ein sehr gastfreundlichen Ort. Die lokalen Fischer betreiben hier eine Räucherei mit einem kleinen Verkaufsgeschäft. Verhungern müssen wir also nicht und den passenden Weisswein haben wir noch ausreichend an Bord. Zum Hafen gehört das Restaurant "Veermaster", ein heimeliges Lokal mit guter Fischküche.

 

 

Gefahrene Distanz: 30 km, (Motor: 3097 h). 

 

Montag 25. September 2023, Karlshagen-Greifswald: Bei der Planung der Tagesetappen sammeln wir soviel Informationen wie möglich. Und dann übersieht man das Kleingedruckte. Wir wollten eigenlich heute bis in den Stadthafen Greifswald fahren, doch vor dem Sperrwerk in Wieck endet die Fahrt. Das Tor ist geschlossen, wir reihen uns an der Südpier in die Warteschlange der Segler und Motorschiffe ein. Das Doppelrotlicht und herumwuselnde Handwerker am Sperrwerk deuten nichts Gutes an. So ist es dann auch: Keine Durchfahrt, das Sperrtor öffnet sich erst um 21 Uhr!

Wir bleiben somit heute abend in Wieck, vor dem Sperrwerk, und nicht dahinter. Macht nix. Die Fahrt von Karlshagen hierhin war abwechlungsreich. Wir haben zuerst Peenemünde passiert, mit dem Raketenmuseum, das wir gestern besucht haben. Im Greifswalder Booden laufen aktuell Verlegearbeiten für die neue Gaspipeline zum neuen LNG-Terminal nördlich von Rügen. Das Projekt ist sehr umstritten, in den letzten Tagen hatten Umweltaktivisten die Bauarbeiten massiv behindert. Heute sieht man nur die riesigen Verlegschiffe, und ein halbes Dutzend Schlepper darum herum. Die Sonne scheint vom Himmel, der Seegang ist kaum spürbar und wir ziehen bei herrlichem Spätsommerwetter unsere Spur. Wirklich ein wunderschöner Reisetag.

Und jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, bewegt sich auch beim Sperrwerk etwas. Das Tor senkt sich, das Doppelrotlicht erlischt, obwohl es erst 15.30 Uhr ist. Der erste Segler fährt durch, und wir haben nun auch freie Fahrt bis Greifswald.

32 km, (Motor 3102 h)

 

Dienstag 26. September 2023, Greifswald-Puddemin: Die Hochsaison ist definitiv vorbei. Wir haben für die Nacht in Puddemin auf Rügen angelegt und sind das einzige Gästeschiff an diesem Abend. Lauter freie Liegeplätze links und rechts. Telefonisch versuchten wir am Nachmittag den Hafenmeister zu erreichen, um zu klären, ob die Dalben auch für die 4 Meter dicke NAJADE passen. Alle Anrufe laufen ins Leere. Gegen Abend klärt sich das Warum. Er nehme generell keine Anrufe aus der Schweiz mehr entgegen, meint der Hafenmeister, denn es handle sich stets um penetrante Werbeanrufe einer Firma, die eine Webapplikation für die Online-Reservation von Liegeplätzen anpreise. Er entschuldigt sich bei uns und ist sehr freundlich. Puddemin ist ein günstiger Hafen, 2 € pro Meter, alles dabei, Dusche, Müll, Wasser und Strom. Greifswald war das pure Gegenteil. Die Stadtmarina ist Teil der Hanse-Werft, ein Paradies für Liebhaber von Segel- und Motoryachten. In Greifswald erfolgt die Endfertigung fast aller Hanse-Yachten. Unzählige neue Schiffe stehen herum. Zweimal am Tag verlassen zwei Schwertransporte das Areal, um Yachten zu den Kunden zu bringen. In einer Halle arbeitet eine gigantische CNC-Fräsmaschine, die Inneneinrichtungen zuschneidet. Sehr eindrücklich.

Gefahrene Distanz: 33 km, (Motor: 3106 h).

 

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Donnerstag 28. September 2023, Puddemin-Stralsund: Die Kulisse der Hansestadt Stralsund ist wuchtig. Jetzt haben wir das Gefühl, definitiv am Meer angekommen zu sein. Für uns ist Stralsund ein Meilenstein auf unserer Reise, der Point Of No Return sozusagen. Wir hätten theoretisch noch die Option, von hier aus binnen ins Winterlager in Alt Mölln zu fahren. PC Navigo rechnet mit 14 Fahrtagen à >6h via Stettin, Berlin, Mittellandkanal und Elbe-Seitenkanal. Nein, das wollen wir uns nicht antun. Aussen rum über Rostock und Lübeck tönt besser, wir werden ab jetzt die Windprognosen genauer beobachten.

Gestern haben wir den Königsstuhl in Rügen erwandert. Ein Besuch der weissen Kreidefelsen im Nordosten der Insel gehört einfach dazu. Viele andere hatten dieselbe Idee, doch sobald man die Fussgängerautobahn verlässt, ist man allein in den herrlichen Buchenwäldern unterwegs.

Die kurze Etappe von heute von Puddemin nach Stralsund war sehr angenehm. Das Wetter ist uns gut gesinnt, ein milder Wind aus Westen fächelt uns entgegen. Von der ländlichen Einsamkeit mit Flugshows der reisebereiten Schwärmen mit Kranichen und Staren empfängt uns die Citymarina mit städtischer Geschäftigkeit.

Gefahrene Distanz: 22 km, (Motor: 3109 h). 

 

Freitag 29. September 2023, Stralsund-Vitte (Hiddensee): Mit dem Vollmond hat das Wetter gewechselt. Bereits beim Morgenessen fallen die ersten Regentropfen und bei der anschliessenden Velofahrt zur MV Werft und in die Altstadt Stralsund bleibt das Kopfsteinpflaster nass.
Wir legen gegen 13 Uhr ab, mit dem Ziel Hiddensee/Vitte (Yachthafen Lange Ort). Zwischendurch scheint die Sonne, die Regenwolken verziehen sich und der Wind schiebt von hinten mit. Die Fahrt ist nicht gerade spannend. Die schmale Fahrrinne, mit roten und grünen Tonnen markiert, zieht sich wie eine Autobahn durch das Boddengewässer. Einzige wenn eine der grossen Fähren entgegenkommt, braucht es etwas mehr Aufmerksamkeit.

Die Marina Lange Ort ist ziemlich leer. Wir schaffen es trotzdem, genau in den Liegeplatz einzufahren, welcher der Hafenmeister einem Langzeitmieter zugesichert hat. Dank Seitenwind lassen wir uns ohne Motorunterstützung in die Nachbarbox treiben. So ist das Manöverieren natürlich sehr bequem. Wir bleiben zwei Nächte hier, die Rechnung summiert sich auf über 80 €. Da wir zu viert sind, zahlen wir Duschen und Kurtaxe vierfach, was die teuren Liegekosten wieder relativiert.

Gefahrene Distanz: 30 km, (Motor: 3112 h).

 

Sonntag 1. Oktober 2023, Vitte-Barhöft: Es ist kalt geworden, sobald die Sonne hinter den Wolken abtaucht, durchdringt der kräftige Westwind Pullover und Jacken. Am Samstag erkunden wir Hiddensee. Privatautos gibt es hier nicht, dafür eine riesige Flotte von Mietvelos und fast ebensoviele kleine Anhänger und Schubkarren. Bei den Fähranlegern in Vitte, Kloster und Neudorf füllen Velos und Anhänger alle Parkflächen. 

Auf den Strassen, respektive Radwegen, geht es sehr gemächlich zu und her. Man pedalt entweder gegen den Wind oder mit dem Wind. Plötzlich stiebt der Pulk der Zweiradfahrer auseinander. Ein schnellfahrendes Auto mit blauen Blitzleuchten und Martinshorn kommt entgegen. Der Inseldoktor rückt aus. Auch die Feuerwehr ist mit drei Fahrzeugen unterwegs, aber nur zu Ausbidlungszwecken. Jugendfeuerwehren aus Rügen und Hiddensee treffen sich im Fährhafen Neuendorf zum Austausch. 

Zum Pflichtprogramm gehört der Besuch des Leuchtturms Dornbusch im Norden, oberhalb Kloster. Die Aussicht ist beeindruckend, vor allem wenn wir nach unten in die Ostsee schauen. Die Ostsee ist aufgewühlt, die Wellen zeigen weisse Schaumkronen und brechen teilweise. Hier wollen wir in den nächsten Tagen durch, doch bei solchen Bedingungen wie heute wäre die Fahrt über das offene Wasser nach Rostock für uns sicher nicht möglich. In der Nähe des Leuchtturms legen wir bei der Gaststätte "Zum Klausner" eine Verpflegungspause ein, bevor es dann südwärts bis Neuendorf geht. Verpflegungspause Nummer 2 gibts dann in Vitte im "Hafenkater".   

 

In der Nacht auf heute Sonntag hat der Wind etwas nachgelassen, die Entwicklung läuft so, wie es die Wetterprognosen vorgezeichnet haben. Unser Ziel, der Hafen Barhöft, liegt fast in Sichweite, doch wir müssen fast bis ganz zurück nach Stralsund fahren. Der direkte Kurs nach Barhöft ist nicht möglich. Im Nationalpark Vorpommerische Boddenlandschaft verbieten die Schutzzonen das Fahren mit motorbetriebenen Schiffen ausserhalb der schmalen Fahrrinnen. Die Segler geniessen mehr Freiheiten, soweit es die Wassertiefen zulassen. Heute haben wir gegen die Stangenboote sowieso keine Chance. Der kräftige Westwind bläst die vielen Segelyachten mit beachtlichen Geschwindigkeiten vorwärts, bei denen wir nicht mithalten können.

 

Im Hafen Barhöft fühlen wir uns sehr sicher. Vor der Einfahrt patrouilliert die Küstenwache mit der "Prignitz" und hinter uns warten das Lotsenboot "Meckelborg", der Schlepper "Bock" und der Seenotkreuzer "Nis Randers" auf einen Einsatz. Das beruhigt unsere Nerven, denn morgen wollen wir den grossen Sprung über die Ostsee nach Warnemünde wagen. Die Windprognosen sagen etwa 4 bf West- bis Südwestwind voraus, bei 0,5 m Wellenhöhe, keine optimalen Bedingungen zwar, aber es sollte klappen. Der Montag ist der einzige Tag in der nächsten Woche, an dem der 90-km-Transfer aufgrund der Vorhersagen für uns machbar scheint. Die 5-Tages-Wetterentwicklung ist düster, der Ausläufer eines Sturmtiefs kommt näher.

Gefahrene Distanz: 29 km, (Motor: 3116 h).

 

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Montag 2. Oktober 2023, Barhöft-Warnemünde: Am Morgen um 7 Uhr legen wir in Barhöft ab, zur 90-km-Etappe nach Warnemünde. Es ist noch recht dunkel, aber windstill. Angesagt ist Südwestwind mit 4 bf. Wir halten uns exakt an die Fahrrinne in der Nationalpark-Schutzzone und biegen erst bei Tonne 11 westlich Hiddensee in Richtung Warnemünde ab. Jetzt sind wir auf der offenen Ostsee. Zu Beginn sind die Wellen noch sanft, dann dreht der Wind gegen Süd, und die Düngung der letzten Tage läuft quer gegen das Schiff. Super! Ein Mix aus Schaukeln und Rollen ist angesagte. Erst hinter der Hafeneinfahrt von Warnemünde ist Schluss mit dem hin und her und auf und ab. NAJADE und ihre Crew haben die erste Fahrt über das Meer bestens überstanden. Jetzt sitzen wir an Deck und staunen. Riesige Kreuzfahrtschiffe und Skandinavienfähren dominieren das Hafenkino.
 
AIS macht Freunde. In Warnemünde begrüssen uns Susanne und Louis mit einer Flasche Weisswein. Sie sind mit der Segelyacht NAVIOT unterwegs und haben auf der AIS-Liste gesehen, dass mit NAJADE ein Schiff unter Schweizer Flagge einläuft. Unser AIS hat ebenfalls gemeldet, dass sich eine Schweizer Yacht im Hafen Mittelmole befindet. Und so trifft man sich, lernt sich kennen und aus einer Flasche werden drei.
 
Vor der langen Etappe auf der Ostsee hatten wir viel Respekt. Wie sich NAJADE bei Wind und Wellen auf dem Wasser schlägt, war offen. Wir haben uns gut vorbereitet, seit 10 Tagen den DWD-Wetterbericht mit der 10-Tages-Prognose von Windy verglichen. Das Resultat: Voraussagen und die dann eintretenden Verhältnisse decken sich weitgehend. Hilfreich ist der zusätzliche Funk-Wetterdienst der privaten Küstenfunkstelle DP07. Ausführlich wird die Wettersituation der nächsten zwei Tage übermittelt. Und nun ist klar, wir bewältigen auch das offene Meer, wenn das Wetter nicht allzu heftig ist. Unter solchen Umständen wäre auch eine Überfahrt nach Schweden oder Dänemark machbar.
Hafeninfo: Der Hafen Mittelmole wurde im April 2023 eröffnet, Infos auf der prov. Website http://www.sportboothafen-warnemuende.de/, Das Hafenmeisterbüro befindet sich im OG des schwimmenden Kubus, Waschmaschinen/Tumbler vorhanden, die S-Bahnstation mit der Direktverbindung nach Rostock ist in 2' erreichbar, Gästeliegeplätze am Schwimmsteg links nach der Einfahrt (grüne Schilder).
Gefahrene Distanz: 89 km, (Motor: 3126 h). 
 
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